"Im Orient gilt der Rausch als göttliches Geschenk, das den Menschen an das Übersinnliche heranführt; der westliche Mensch dagegen sucht eher, sich zu vergessen."
Rudolf Gelpke, Vom Rausch im Orient und im Okzident, 1966
Die Menschheit nutzt Cannabis und andere psychoaktive Pflanzen und deren Derivate seit Jahrtausenden für medizinische Zwecke, aber auch gezielt, um veränderte Bewusstseinszustände zu erzeugen. Warum aber erleben wir gerade in der westlichen Moderne eine derart grosse Cannaphobie, dass sie sogar THC-arme Produkte wie Hanf oder CBD-Öle trifft, während eine weitaus giftigere psychoaktive Substanz wie Alkohol weitgehend akzeptiert ist?
Lag es hauptsächlich an der Prohibitionspolitik des Drogenbeauftragten Harry J. Anslinger in den 1930er-Jahren? Die Motive seiner Prohibitionspolitik waren unter anderem wirtschaftlicher, rassistischer und fremdenfeindlicher Natur. Anslinger verfolgte unter anderem das Ziel, bestimmte Bevölkerungsgruppen wie Afroamerikaner und Mexikaner zu kriminalisieren und zu marginalisieren, was zur sozialen Kontrolle und einer Art "Rückführung" durch Ausgrenzung beitrug. Eine grosse Rolle spielte wohl auch, dass er einer Behörde vorstand (dem Federal Bureau of Narcotics), die mit dem Ende der Alkoholprohibition ihr Arbeitsfeld (und damit auch ihre Existenzberechtigung) zunehmend verlor. Zweifellos war Anslingers Wirken in den USA mit einer jahrzehntelangen Desinformationskampagne weltweit einflussreich und wirkt bis heute stark nach: Anslinger trug letztlich entscheidend dazu bei, dass seine Prohibition in den Drogenabkommen der UNO verankert wurde.
Liegt der Prohibition von Cannabis und vielen anderen psychoaktiven Substanzen aber eine tiefer liegende kulturelle Phobie zugrunde, die wir in Betracht ziehen müssen? Vielleicht können wir mit einem historischen Blick darauf, wie frühere Kulturen mit Cannabis umgingen, besser verstehen, warum sich unsere Gesellschaft heute so schwertut, den Wert bewusstseinsverändernder Substanzen wie Cannabis anzuerkennen und nicht übertrieben panisch auf ihre Wirkung zu reagieren.
Rudolf Gelpke, Wanderer zwischen Orient und Okzident
In den turbulenten 1960er-Jahren, als sich der Westen in einer tiefen Krise der Moderne befand und Millionen junger Menschen nach spirituellen Alternativen und neuen Lebensmodellen suchten, formulierte ein Schweizer Islamwissenschaftler aus Basel eine Kulturkritik des Westens, die noch heute von Interesse ist. Rudolf Gelpke (1928-1972), ein Mann zwischen den Welten, der sein Leben der Erforschung des Orients und der menschlichen Bewusstseinszustände widmete, beschrieb 1966 in seinem bahnbrechenden Werk "Vom Rausch im Orient und im Okzident" eine grundlegende kulturelle Wende in Bezug auf die Dominanz der westlichen Kultur: Auf die "äussere Verwestlichung der Welt" werde eine "innere Veröstlichung des Westens" folgen.
Diese These beruhte auf den intensiven Lebenserfahrungen eines Forschers, der wie kaum ein anderer beide Welten durchdrungen hatte. Er studierte Islamwissenschaft bei Fritz Meier, einem der renommiertesten Kenner der Sufi-Mystik seiner Zeit. Doch Gelpkes Weg führte weit über die akademische Orientalistik hinaus: Er lebte jahrelang im Iran, heiratete eine Iranerin und konvertierte 1967 unter dem Namen Mostafa Eslami zum schiitischen Islam.
Was Gelpkes Arbeit jedoch von anderen Orientalisten unterschied, war seine systematische Erforschung bewusstseinsverändernder Substanzen als Schlüssel zum Verständnis mystischer Erfahrungen. Seine frühen Experimente mit Haschisch und Opium im orientalischen Kontext führten ihn zu einer Freundschaft mit seinem Schweizer Landsmann Albert Hofmann, dem Entdecker des LSD. Gemeinsam unternahmen sie, was Gelpke poetisch "Fahrten in den Weltraum der Seele" nannte: kontrollierte Selbstversuche, die seine wissenschaftliche Arbeit um eine existenzielle Dimension erweiterten.
Für Gelpke waren diese Erfahrungen kein Selbstzweck, sondern Forschungsinstrumente. Gerade sie öffneten ihm den Blick für das, was er als den grundlegenden Unterschied zwischen östlicher und westlicher Mentalität empfand.
Der Westen: Funktionalität, Sicherheit und "Freiheit"
Die Tiefe und Präzision, mit der Gelpke die Werte und die Dynamik der modernen westlichen Kultur analysiert, verdankt sich seinem erweiterten Blickwinkel, der auf seinen Erfahrungen und Kenntnissen östlicher Kulturen und insbesondere des Islams beruht. Schon auf der ersten Seite beginnt Gelpke, die Pathologie der westlichen Kultur zu sezieren wie ein Chirurg, der einen Tumor freilegt:
"Einer der umworbensten Götzen unserer Zeit heisst 'Sicherheit'. Seine Tempel sind die Paläste der Banken und Versicherungsgesellschaften, und keinem Gott der Vergangenheit hat man je mehr und teurere gebaut. (...) Im Zeitalter der anonym gewordenen Demokratie, der abstrakten Menschenrechte, der Organisation und Organisationen, der Massen und Manager, der Statistik und des 'Glücks der grössten Zahl', der Atomzertrümmerung, Weltraumforschung und Automation, in einem solchen Zeitalter muss man das Leben jedes Einzelnen über die Tatsache hinwegtäuschen, dass sie mehr und mehr zu blossen, auswechselbaren Funktionen geworden sind, in einem sozialen und technischen Mechanismus von schon beinah ameisenstaatlicher Präzision und Perfektionierung." (Gelpke 1982/EA 1966, S. 13)
Die immer perfektere Absicherung unserer Existenz, die uns dieser "Ameisenstaat" anbietet, gehört laut Gelpke zum Versprechen des ewigen Fortschritts, und dieses Versprechen trägt dazu bei, dass wir unseren Käfig nicht verlassen. Was in unserer westlichen Gesellschaft eigentlich zählt, sind "Leistungsprinzip, Zweckdenken und Zukunftsglauben". Gleichzeitig propagiere der Westen die Freiheit des Individuums, eine Freiheit allerdings, die nicht wirklich das ist, was sie zu sein vorgibt. Gelpke zitiert den persischen Gelehrten Mojtaba Minowi, um aufzuzeigen, dass der westliche und der östliche Freiheitsbegriff grundverschieden sind. Im Westen bedeutet "Freiheit" demnach, immer mehr Bedürfnisse zu schaffen, die dann auch alle befriedigt werden, während man im Osten überzeugt sei, "man müsse immer mehr Bedürfnisse abbauen, um äusserlich und innerlich unabhängig zu werden." [1]
Generell, so Gelpke, sei auch das Idealbild des Menschen im Westen vollkommen anders als im Osten. Im Westen sieht er den "faustischen Täter", einen Tatmenschen mit einem radikalen Drang nach Wissen, Fortschritt und Macht. In der Tradition vieler östlicher Kulturen sieht er dagegen drei Gestalten, die zusammen ein menschliches Ideal bilden: den gerechten Herrscher, den absoluten Liebhaber und den mystischen Gottsucher.
Hier kommen zwei für uns wichtige Aspekte zum Tragen, welche die östliche Kultur grundlegend von der westlichen unterscheiden. Während der Westen, vom Christentum geprägt, ein asketisches Ideal hochhält, spielen Liebe und Erotik im Osten eine völlig andere, positive Rolle und sind tief in das östliche Ideal eingebunden. Dazu gehört auch, dass es bei der erotischen Verschmelzung zu einer vollkommenen Auflösung des Egos kommt. Auch die mystische Gottsuche, die über eine Bewusstseinsreise nach innen erfolgt, ist mit einer angestrebten vollkommenen Auflösung des Ichs verbunden. Entsprechend sehen wir nach Gelpke in diesen Traditionen auch eine grundlegend andere Einstellung zum Tod.
Ausgehend von dieser Analyse bewertet Gelpke auch den beispiellosen "Siegeszug der westlichen Kultur", die sich selbst als "kulturell" überlegen sieht. Die Überlegenheit der westlichen Kulturen, so Gelpke, ist keine wirklich "kulturelle" im positiven Sinn:
"Die Eroberung Indiens durch die Engländer oder Indonesiens durch die Holländer sind Siege skrupelloser Geschäftsmethoden, gut organisierter Profitgier und technischer Dynamik über die statische Schwerfälligkeit und aristokratische Lässigkeit äusserst komplizierter Gesellschaftshierarchien, die zu viel Lebensart, Lebensfreude und Sinn für Form, Spiel und Spielregeln besassen, um diesen so praktisch denkenden Händlern und puritanischen Rechnern aus dem Westen auf die Dauer gewachsen zu sein." (Gelpke 1982/EA 1966, Seite 23)
Der "Rausch" im Orient und im Okzident
Ausgehend von diesen Analysen kommt Gelpke zu einer interessanten Beobachtung darüber, wie psychoaktive Substanzen in der östlichen und der westlichen Kultur bewertet werden:
"Wir stossen hier auf einen Punkt von grösster Wichtigkeit: Der Orientale steht zum Phänomen 'Rausch' in einem grundsätzlich anderen Verhältnis als der Abendländer. Für diesen ist die Realität die Aussenwelt. Infolgedessen wird er immer versucht sein, jede Lebensform, jede Ansicht und überhaupt alles, was den Menschen vom äusseren Tun abhält, als 'Flucht' vor und aus der Realität zu verurteilen. Der Orientale nimmt den entgegengesetzten Standpunkt ein: Für ihn ist der 'Weg nach innen', die mystische Reise, die einzige Wirklichkeitserfahrung, die Raum und Zeit und damit den Schleier des Vergänglichen durchstösst. Daher 'flieht', von ihm aus gesehen, wer nach aussen lebt: der Tatmensch."
(Gelpke 1982/EA 1966, Seite 53-54)
Hier ist anzumerken, dass der Begriff "Rausch" für veränderte Bewusstseinszustände, wie sie etwa Cannabis auslöst, eigentlich irreführend ist. Das deutsche Wort "Rausch" geht auf das mittelhochdeutsche "rūsch" zurück, dessen Bedeutung auch mit "Rauschen, rauschende Bewegung, Ungestüm, Toben" angegeben wird. Das Verb "rūsen" bedeutet so viel wie "lärmen, tosen, rasen und schreien". Die aggressive Komponente in "Rausch" schwingt bis heute mit und zeigt sich zum Beispiel in den Begriffen "Kampfrausch" und "Blutrausch".
Gelpke selbst hinterfragt den Begriff und merkt an, dass "Rausch" im Westen stark von der Wirkung des Alkohols geprägt ist, die sich natürlich deutlich von Substanzen wie Opium oder Haschisch unterscheidet. Ich spreche deshalb im Folgenden statt von "Rausch" von einem "veränderten Bewusstseinszustand", um dieses Missverständnis zu vermeiden.
Gelpke beschreibt mehrere Gründe, warum der Westen den Alkohol bevorzugt, während man im Osten Substanzen wie Opium oder Haschisch vorzieht. Im Westen nutze man Alkohol, um seinen Willen noch enthemmter durchzusetzen und seine Wünsche in der Aussenwelt zu verwirklichen. Substanzen wie Opium und Haschisch dagegen werden oft so beschrieben, dass sie den "Willen lähmen"; das war vor allem auch der Einwand des französischen Dichters Charles Baudelaire gegen Haschisch. Im Osten hingegen sei das kein Problem, denn Haschisch, auch Waraq olchiâl ("Blatt der Imagination") oder Dugh-e wahdat ("Sauermilch der göttlichen Einheit") genannt, beflügle die Imagination und ermögliche eine innere, mystische Reise, die letztlich zur Vereinigung mit dem Göttlichen und damit zur Selbstauflösung führt, ein Prozess, der im menschlichen Ideal des Ostens verankert ist.
Wie haben Cannabis oder Opium und die damit verbundenen veränderten Bewusstseinszustände Kunst und Kultur im Osten beeinflusst? Gelpke argumentiert, dass dieser Einfluss enorm war, und erzählt von seinen Begegnungen mit persischen Berufserzählern, Sängern, Tänzern, Dichtern und anderen Künstlern, die ihm bestätigten, dass sie Haschisch oder Opium für ihre Arbeit nutzten.
Was wir von Gelpke lernen können
Diese Ausführungen geben nur einige wichtige Kernideen und Leitmotive aus Gelpkes hervorragend recherchiertem und nuanciertem Buch wieder. Ich kann es allen ans Herz legen, die sich für die darin behandelten Themen interessieren. Auch heute, fast 60 Jahre später, können wir daraus einige wichtige Lektionen lernen:
1. Kulturelle Selbsterkenntnis
Unsere Sicht auf die Wirkungen bestimmter psychoaktiver Substanzen ist nicht nur von deren tatsächlicher Wirkung auf uns geprägt, sondern tief in unseren kulturell geprägten Werten und menschlichen Idealen verwurzelt. Erst ein tieferes Verständnis dieses komplexen kulturellen Hintergrunds erlaubt es uns, Ängste und Haltungen gegenüber Cannabis oder anderen Substanzen zu verstehen und ihnen konstruktiv zu begegnen. Wir können diesen Prozess kulturelle Selbsterkenntnis nennen. Je besser ich verstehe, wie mich eine bestimmte Kultur geprägt hat, desto besser verstehe ich, worin meine Haltung zu bestimmten Substanzen wurzelt.
Die westliche Cannaphobie ist nicht in erster Linie wissenschaftlich begründet, sondern entspringt einem kulturellen Weltbild, das Produktivität über Kontemplation und äussere Leistung über innere Erfahrung stellt. Diese Erkenntnis ist der erste Schritt zu einem rationaleren Umgang mit psychoaktiven Substanzen.
2. Die Wirkung verschiedener Substanzen auf unsere historische kulturelle Entwicklung
Gelpke erkannte, dass verschiedene psychoaktive Substanzen unterschiedliche kulturelle Entwicklungen fördern. Alkohol, im Westen kulturell akzeptiert, verstärkt tendenziell extrovertierte, gesellige Verhaltensweisen und passt damit zur westlichen Betonung von sozialer Aktivität und äusserer Leistung. Cannabis hingegen fördert eher introspektive, kontemplative Zustände, also Eigenschaften, die der westlichen Leistungsgesellschaft suspekt erscheinen, für die spirituelle und kreative Entwicklung aber von unschätzbarem Wert sein können.
3. Bewusstseinserweiterung als kultureller Austausch
Gelpkes Vision der "inneren Veröstlichung des Westens" zeigt, dass kultureller Wandel oft durch die Übernahme fremder Bewusstseinstechniken geschieht. Die Integration östlicher Meditationspraktiken und bewusstseinsverändernder Substanzen in westliche Kontexte ist für sich genommen keine kulturelle Aneignung, sondern eine notwendige Erweiterung unseres geistigen Horizonts.
Dieser Prozess erfordert jedoch Respekt und Verständnis für die ursprünglichen kulturellen Kontexte. Wer im Westen Cannabis oder Psychedelika nutzt, sollte sich der jahrtausendealten spirituellen Traditionen bewusst sein, aus denen diese Praktiken stammen.
4. Cannabis als Brückenbauer zwischen Kulturen
Ein besonders aktueller Aspekt von Gelpkes Werk ist seine Sicht auf Cannabis als kulturelle Brücke. In einer Zeit zunehmender globaler Polarisierung könnte die Substanz, die Gelpke als Vermittlerin zwischen östlichem und westlichem Bewusstsein sah, tatsächlich zur Verständigung zwischen verschiedenen Kulturen beitragen.
Zwischen Veröstlichung und Verwestlichung: die Dialektik des kulturellen Wandels
Gelpkes Vision der "inneren Veröstlichung des Westens" war, wie er selbst am Ende seines Buches erwähnt, bereits Mitte der 1960er-Jahre in vollem Gang. Die Beatles pilgerten nach Indien, der Zen-Buddhismus eroberte amerikanische Universitäten, und eine ganze Generation suchte in östlicher Spiritualität Alternativen zur westlichen Rationalität. Was Gelpke damals jedoch nicht vorhersehen konnte, war die gleichzeitige Beschleunigung des entgegengesetzten Prozesses: der "äusseren Verwestlichung der Welt".
In den Jahrzehnten nach 1966 erlebten wir eine beispiellose Globalisierung westlicher Werte, Technologien und Lebensweisen. Von Tokio bis Mumbai, von São Paulo bis Lagos durchdrang das westliche Modell (Konsumkapitalismus, technologische Rationalität, individualistische Lebensentwürfe) traditionelle Kulturen mit einer Geschwindigkeit und Intensität, die selbst die kolonialen Eroberungen der Vergangenheit weit übertraf. Das Internet, multinationale Konzerne und die globale Medienlandschaft trugen die westliche Lebensart und die ihr zugrunde liegenden Werte in die entlegensten Winkel der Erde.
Paradoxerweise verstärkte dieser Prozess jedoch auch die Sehnsucht nach dem, was der Westen verloren hatte. Während sich die Welt äusserlich verwestlichte, wuchs in den westlichen Gesellschaften selbst das Bewusstsein für die Grenzen und Kosten ihres eigenen Modells. Burnout, Depressionen, ökologische Katastrophen und die Klimakrise offenbarten die Schattenseiten einer Kultur, die Gelpkes "Dreiklang aus Leistungsprinzip, Zweckdenken und Zukunftsglauben" zur Perfektion getrieben hatte.
Heute, im Jahr 2025, erleben wir eine zweite Welle der Veröstlichung, die bereits seit den 1990er-Jahren andauert, aber komplexer und ambivalenter ist als die erste. Meditation wird nicht nur praktiziert, sondern durch Apps wie Headspace und Calm digitalisiert und kommerzialisiert. Achtsamkeit wird zum Produktivitätswerkzeug in Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden gleichzeitig zu maximaler Effizienz antreiben. Cannabis wird legalisiert, aber in einem Rahmen kapitalistischer Vermarktung, der oft wenig mit den spirituellen Traditionen gemein hat, aus denen die Pflanze stammt.
Wo stehen wir also, und wohin führt das?
Einerseits sind die Zeichen für eine tiefere Transformation unübersehbar. Die Klimabewegung stellt das westliche Wachstumsparadigma grundsätzlich infrage. Junge Menschen wenden sich von materialistischen Lebenszielen ab und suchen nach Sinn und Authentizität. Die Forschung zu Cannabis und anderen psychoaktiven Substanzen wie LSD, Ketamin oder Psilocybin und deren therapeutischem Potenzial stellt die bisherige Sicht auf Bewusstsein und Heilung infrage. Diese Entwicklungen deuten darauf hin, dass die Veröstlichung diesmal breitere Kreise erreichen könnte als in den 1960er-Jahren.
Andererseits zeigt die Art, wie östliche Praktiken verwestlicht werden, die enorme Absorptionskraft der kapitalistischen Kultur. Yoga wird zum Fitnessprogramm, Meditation zur Stressreduktion, Cannabis zum Lifestyle-Produkt. Die spirituelle Dimension, die Gelpke als das Wesentliche der östlichen Bewusstseinsformen betrachtete, droht dabei verloren zu gehen.
Die Kommerzialisierung östlicher Spiritualität und bewusstseinsverändernder Substanzen droht ihre tieferen Bedeutungen zu verwässern. Hier bietet Gelpkes Werk wichtige Orientierung: Er zeigt, dass echter kultureller Austausch keine oberflächliche Übernahme, sondern ein tiefes Verständnis der zugrunde liegenden Weltanschauungen erfordert.
Die westliche Gesellschaft steht heute vor der Aufgabe, der von Gelpke vorausgesagten Entwicklung eine gute Richtung zu geben: eine Kultur zu schaffen, welche die Errungenschaften des Westens (wissenschaftliche Rationalität, technologische Innovation, individuelle Freiheit) mit den Weisheiten des Ostens (Kontemplation, Ganzheitlichkeit, spirituelle Tiefe) verbindet.
Cannabis und andere bewusstseinsverändernde Substanzen können in diesem Prozess wichtige Werkzeuge sein, vorausgesetzt, wir überwinden unsere kulturell bedingten Phobien und Vorbehalte und begegnen ihnen mit derselben Offenheit und demselben Respekt, die Rudolf Gelpke in seinem bahnbrechenden Werk zeigte. Seine Vision einer Welt, in der sich östliche Weisheit und westliche Rationalität fruchtbar ergänzen, ist heute aktueller denn je. Und seine Analyse der kulturellen Wurzeln unserer Haltung zu bewusstseinsverändernden Substanzen bietet den Schlüssel zu einem aufgeklärteren Umgang mit diesen mächtigen Werkzeugen des Bewusstseins.