Das Aroma von Cannabis und Hanf: Mehr als nur Terpene

Das Aroma von Cannabis und Hanf: Mehr als nur Terpene

Vordenker an der Schnittstelle von Philosophie, Bewusstseinsforschung und Markenstrategie. Autor international beachteter Sachbücher und Berater für Kommunikationsprozesse mit Tiefgang.

Dr. Sebastián Marincolo

Vordenker an der Schnittstelle von Philosophie, Bewusstseinsforschung und Markenstrategie. Autor international beachteter Sachbücher und Berater für Kommunikationsprozesse mit Tiefgang.

Inhaltsverzeichnis

Stell dir vor, du öffnest eine Dose getrockneter Blüten. Noch bevor du irgendetwas siehst, liest oder weisst: Die Nase hat bereits entschieden. Tropisch-süsse Frucht, würzige Erde, trockenes Heu oder frische Zitrone. Das Urteil fällt in Millisekunden.

Aber was genau löst in deinem Gehirn dieses präzise sensorische Bild aus?

Jahrelang lautete die Antwort: Terpene. Die Branche druckte Terpenprofile auf Etiketten, Konsumenten lernten, Myrcen stehe für Erde und Limonen für Zitrus. Es klang überzeugend. Es war, wie die Forschung inzwischen weiss, nur ein Teil der Wahrheit. Eine Reihe wegweisender Studien hat das Bild grundlegend verschoben: Das Aroma von Cannabis ist erheblich komplexer als bisher angenommen, und Terpene erklären nicht allein, warum eine Sorte erdig oder nach Zitrus riecht. Was eine Sorte tatsächlich nach tropischer Frucht, würziger Erde oder frischer Zitrone duften lässt, folgt einer anderen, faszinierenderen Logik. Einer Logik, die sich erst mit modernsten chemisch-analytischen Methoden enthüllen lässt.

Über 200 Terpene und Hunderte weitere Substanzen

Die Pflanze Cannabis sativa L. produziert ein aussergewöhnlich reiches Spektrum flüchtiger Verbindungen: Allein über 200 verschiedene Terpene wurden bisher identifiziert. Hinzu kommen Hunderte weiterer flüchtiger organischer Verbindungen aus völlig anderen chemischen Stoffklassen wie Estern, Aldehyden, Ketonen, Alkoholen und volatilen Schwefelverbindungen (VSCs).

Die mengenmässig dominanten Terpene, darunter β-Myrcen, α- und β-Pinen, d-Limonen, β-Caryophyllen, Terpinolen und Humulen, können zusammen bis zu 50 % der gemessenen Aromakonzentration einer Cannabissorte ausmachen. Das klingt nach einer klaren Aussage, ist es aber nicht wirklich. Denn in der Aromawissenschaft sind die Konzentration einer Substanz und ihre Wahrnehmung zwei grundverschiedene Dinge. Eine Substanz, die in hoher Konzentration vorliegt, muss nicht zwingend den Geruch einer Sorte prägen, und umgekehrt.

Neben Terpenen und Flavonoiden spielen in Cannabis und Hanf flüchtige organische Verbindungen wie Ester, Aldehyde und Ketone eine entscheidende Rolle für die nuancierten Aroma- und Geschmacksprofile. Hinzu kommt eine Gruppe von Verbindungen, die lange kaum beachtet wurden: volatile Schwefelverbindungen (VSCs), stickstoffhaltige Heteroaromaten und eine Reihe weiterer Spurenmoleküle, die in der Aromaforschung unter dem Begriff „Flavorants“ zusammengefasst werden. Diese Flavorants sind oft genau jene Moleküle, die einer Sorte ihre unverwechselbare sensorische Signatur verleihen.

Der Paradigmenwechsel: Die Studie von 2023

Die wohl wichtigste Einzelstudie der letzten Jahre zum Thema Cannabis-Aroma erschien im Oktober 2023 in ACS Omega, dem Peer-Review-Journal der American Chemical Society (1). Iain W. H. Oswald und sein Team analysierten 31 Cannabis-Extrakte mit sehr unterschiedlichen Aromen mithilfe zweidimensionaler Gaschromatographie, kombiniert mit Flugzeit-Massenspektrometrie und Flammenionisationsdetektion. Diese Methodenkombination ermöglicht es, selbst geringste Spurenmengen in komplexen Mischungen präzise aufzutrennen und zu identifizieren. Das Ergebnis war überraschend: Sorten mit stark unterschiedlichen Aromen zeigten bemerkenswert ähnliche Terpenprofile. Terpene tragen also kaum zu diesen einzigartigen, sortentypischen Düften bei. Stattdessen korrelierten viele kleine, nicht-terpenoide Verbindungen stark mit den ungewöhnlichen süssen oder würzigen Aromen.

Das ist ein fundamentaler Befund. Er bedeutet: Wer eine Sorte allein über ihr Terpenprofil zu charakterisieren versucht, erzählt nur einen Teil der Geschichte. Die Analyse zeigte, dass selbst Limonen, das Terpen, das man intuitiv mit Zitrus- und Fruchtaromen verbindet, keine verlässliche Vorhersage darüber erlaubte, ob eine Sorte tatsächlich nach Zitrus roch. Die eigentlichen Träger dieser Aromen waren in vielen Fällen nicht die Terpene, sondern andere Spurenverbindungen wie tropische VSCs und Ester. Die Studie identifizierte allein 30 Ester in Cannabis, jeden mit anderen Aromaeigenschaften, darunter Ethylhexanoat mit einem apfelartigen Duft und n-Propylhexanoat mit einem Aroma nach Brombeere und Ananas. Diese Ester sind in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie seit Langem als Schlüsselaromen bekannt. Der Nachweis dieser Ester in Cannabis eröffnet eine völlig neue Perspektive auf die Sortenbeschreibung.

Volatile Schwefelverbindungen: Wenig Menge, maximale Wirkung

Einen besonderen Platz in der neuen Aromakarte von Cannabis nehmen die volatilen Schwefelverbindungen (VSCs) ein. Eine frühere Studie (2) hatte bereits eine neue Familie prenylierter VSCs identifiziert, darunter 3-Methyl-2-buten-1-thiol (MBT), die wichtigste chemische Quelle des charakteristischen Geruchs von „Skunk“-Sorten (Skunk heisst Stinktier). Prenylierte VSCs wie 3-Methyl-2-buten-1-thiol sind hauptsächlich für den stechenden, skunkartigen Geruch von Cannabis verantwortlich. Deren Konzentration erreicht gegen Ende der Blüte- und Aushärtungsphase den Höhepunkt.

Diese Verbindungen, die strukturell den bioaktiven Schwefelmolekülen in Knoblauch ähneln, entfalten ihre Wirkung schon in niedrigsten Konzentrationen. Die biochemische Nähe zum Knoblauch ist dabei kein Zufall: Sie legt nahe, dass Cannabis im Lauf der Evolution ähnliche Schutzmechanismen gegen Fressfeinde entwickelt haben könnte wie Knoblauch.

Die Studie von 2023 (1) ging noch weiter und identifizierte eine neue Klasse tropischer VSCs, die die Zitrus- und Fruchtaromen bestimmter Sorten erklären. Volatile Schwefelverbindungen mit der 3-Mercaptohexyl-Funktionsgruppe sind verantwortlich für die deutlichen Zitrusaromen bestimmter Sorten. Skatol (3-Methylindol) dagegen ist die Schlüsselquelle des chemisch-würzigen Aromas anderer Sorten. Skatol ist aus der Parfüm- und Lebensmittelindustrie bekannt und riecht in höheren Konzentrationen alles andere als angenehm. In den verschwindend geringen Mengen, in denen es in Cannabis vorkommt, entfaltet es aber eine würzig-erdige Tiefe, die viele Konsumenten als besonders ausdrucksstark wahrnehmen.

Das entscheidende Prinzip dahinter ist der Geruchsschwellenwert: Eine Verbindung, die nur in winzigsten Spuren vorhanden ist, kann geruchlich eine Verbindung dominieren, die tausendfach häufiger vorkommt, wenn ihr Geruchsschwellenwert niedrig genug ist. Solche Verbindungen finden sich oft in Konzentrationen von unter 0,05 % der Probenmasse, können aber dennoch einen erheblichen Beitrag zum Aroma leisten. Die menschliche Nase hat sich in der Evolution genau darauf spezialisiert, solche Spuren wahrzunehmen: Schliesslich können ein paar Moleküle vor grossen Gefahren warnen oder auf etwas Verlockendes hinweisen, das fürs Überleben wichtig ist.

Terpene und ihre biologische Wirkung: Was die Forschung zeigt

Auch wenn Terpene die Aromavielfalt von Cannabis nicht allein bestimmen, wäre es falsch, ihre Bedeutung kleinzureden, gerade im Hinblick auf ihre möglichen biologischen Eigenschaften. Neue präklinische Studien deuten darauf hin, dass Terpene mehr sein könnten als reine Duftstoffe. Forschende der University of Arizona konnten zeigen, dass bestimmte Cannabis-Terpene cannabimimetisch wirken, also ähnliche Effekte wie Cannabinoide entfalten und deren Aktivität selektiv verstärken können, indem sie die CB1-Rezeptoren unseres Endocannabinoid-Systems direkt aktivieren (3).

Bemerkenswert dabei: Limonen, das als Aromaverbindung wenig zur sortentypischen Zitrusnote beizutragen scheint, zeigte in einer klinischen Humanstudie (4) dennoch eine messbare biologische Wirkung. In Kombination mit THC verringerte es in dieser Studie die durch THC ausgelöste Angst bei den Versuchspersonen signifikant. Aroma und Wirkung folgen also offenbar nicht immer denselben molekularen Wegen. Diese Befunde sind wissenschaftlich interessant, klinisch gesicherte Aussagen über therapeutische Wirkungen lassen sich daraus nach aktuellem Stand der Forschung jedoch nicht ableiten.

Hanftee und andere Genussformen: Aroma als sinnliches Erlebnis

Egal, ob du eine Cannabissorte mit THC, CBD oder THCV vaporisierst oder einen Hanftee aus einer bestimmten Sorte aufbrühst: In allen Fällen erlebst du die ganze Komplexität dieser Aromawelt in einer ihrer zugänglichsten Formen. Hitze (sei es der Dampf des Vaporizers oder das heisse Wasser des Aufgusses) löst die flüchtigen Verbindungen aus Blüten, Blättern und Kräutern heraus. Terpene wie Linalool, Pinen und Myrcen steigen zuerst in die Nase, erdige und blumige Grundnoten setzen den Rahmen. Was dem Aufguss oder Dampf aber seinen individuellen Charakter verleiht, ob er eher zitrusfrisch, würzig-herb oder tief-erdig duftet, bestimmen nach aktuellem Forschungsstand massgeblich jene kleinen, schwer messbaren Spurenmoleküle: Ester, Heteroaromaten, VSCs. Die menschliche Nase, ausgestattet mit über 400 Typen von Riechrezeptoren und in der Lage, schätzungsweise eine Billion Duftkompositionen zu unterscheiden (12), erfasst diese Komplexität intuitiv, lange bevor die Analytik aufgeholt hat. Ein Grund, warum erfahrene Geniesser ihre Favoriten oft schon am Geruch der geöffneten Packung erkennen, noch bevor sie einen einzigen Zug oder Schluck probiert haben.

Die Schweiz: Regulatorischer Spielraum, aromatische Vielfalt

Für die Qualität und Aromatik von Schweizer Hanfprodukten hat ein regulatorisches Detail besondere Bedeutung: Hanf mit einem THC-Gehalt von weniger als 1 % fällt in der Schweiz nicht unter das Betäubungsmittelgesetz, während die EU-Grenze bei 0,3 % liegt. Diese dreimal höhere Schwelle eröffnet Schweizer Züchtern und Produzenten Zugang zu einem erheblich breiteren genetischen Sortenspektrum. Viele traditionelle oder robuste Hanfsorten weisen von Natur aus leicht erhöhte THC-Werte auf, ohne psychoaktiv zu wirken. Mit der EU-Grenze fallen solche Sorten durchs Raster. Da Terpenprofile, VSCs und andere Aromaverbindungen eng mit der Genetik einer Sorte verknüpft sind, bedeutet mehr Sortenvielfalt direkt mehr aromatische Vielfalt. Ein Vorteil, von dem Schweizer Produzenten seit Jahren profitieren.

Ausblick: Die Aromakarte wird neu gezeichnet

Die Forschung der letzten Jahre hat das Bild vom Cannabis-Aroma grundlegend verändert. Flüchtige Bestandteile wie Terpene, Aldehyde, Ketone, Ester und schwefelhaltige Verbindungen wirken mit nicht-flüchtigen Molekülen wie Flavonoiden und phenolischen Verbindungen zusammen und bestimmen so das charakteristische Aroma und den Geschmack von Cannabis. Für die Praxis heisst das: Terpenprofile auf Produktetiketten geben eine erste Orientierung, sind aber keine verlässliche Vorhersage für das tatsächliche sensorische Erlebnis. Züchter, Produzenten und Konsumenten, die das volle Aromapotenzial von Cannabis verstehen wollen, werden künftig auf umfassendere analytische Methoden setzen müssen, und ganz altmodisch auf ihre Nase.

Ob und wie die einzelnen aromatischen Komponenten (seien es Terpene, VSCs oder andere Spurenverbindungen) die Wirkung der Cannabinoide modulieren, muss noch weiter erforscht werden. Was wir bereits wissen, ist aber vielversprechend.

Quellen

(1) Oswald, I. W. H. et al. (2023). Minor, Nonterpenoid Volatile Compounds Drive the Aroma Differences of Exotic Cannabis. ACS Omega, 8(42), 39203–39216.

(2) Oswald, I. W. H. et al. (2021). Identification of a New Family of Prenylated Volatile Sulfur Compounds in Cannabis. ACS Omega, 6(48), 31667–31676.

(3) LaVigne, J. et al. (2021). Cannabis sativa terpenes are cannabimimetic and selectively enhance cannabinoid activity. Scientific Reports.

(4) Spindle, T. R. et al. (2024). Vaporized D-limonene selectively mitigates the acute anxiogenic effects of Δ 9-THC. Drug and Alcohol Dependence.

(5) Wójcik, M. et al. (2024). The Entourage Effect in Cannabis Medicinal Products: A Comprehensive Review. Pharmaceuticals, 17(11), 1543.

(6) Ferber, S. G. et al. (2020). The “Entourage Effect”: Terpenes Coupled with Cannabinoids for the Treatment of Mood Disorders. Frontiers in Pharmacology.

(7) Christensen, C. et al. (2023). Decoding the Postulated Entourage Effect of Medicinal Cannabis. Pharmaceutics.

(8) Sommano, S. R. et al. (2020). The Cannabis Terpenes. Molecules, 25(24), 5792.

(9) Kaur, J. et al. (2023). Comprehensive Profiling of Terpenes and Terpenoids in Different Cannabis Strains Using GC×GC-TOFMS. Separations, 10, 500.

(10) Rice, S. & Koziel, J. A. (2020). Characterization of the key aroma compounds in cannabis smoke. Journal of Chromatography A, 1629, 461502.

(11) Raz, N. et al. (2023). Selected Cannabis Terpenes Synergize with THC to Produce Increased CB1 Receptor Activation. Biochemical Pharmacology, 212, 115548.

(12) Bushdid, C. et al. (2014). Humans Can Discriminate More than 1 Trillion Olfactory Stimuli. Science, 343(6177), 1370–1372.

(13) Vergara, D. et al. (2021). Cannabis labelling is associated with genetic variation in terpene synthase genes. Nature Plants, 7(11), 1330–1334.

(14) Bundesamt für Gesundheit Schweiz (BAG): Gesetzgebung Hanf- und Cannabisprodukte. bag.admin.ch

(15) Booth, J. K. & Bohlmann, J. (2019). Terpene synthases and terpene variation in Cannabis sativa. Plant Science.

(16) Chacon, F. T. et al. (2022). Secondary Terpenes in Cannabis sativa L.: Synthesis and Synergy. Biomedicines, 10(12), 3142.

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