CBD und Angst: Was die grösste randomisierte Studie wirklich zeigt

CBD und Angst: Was die grösste randomisierte Studie wirklich zeigt

Vordenker an der Schnittstelle von Philosophie, Bewusstseinsforschung und Markenstrategie. Autor international beachteter Sachbücher und Berater für Kommunikationsprozesse mit Tiefgang.

Dr. Sebastián Marincolo

Vordenker an der Schnittstelle von Philosophie, Bewusstseinsforschung und Markenstrategie. Autor international beachteter Sachbücher und Berater für Kommunikationsprozesse mit Tiefgang.

Inhaltsverzeichnis

„Wir brauchen mehr Daten, bevor wir abschliessend sagen können, ob es langfristige positive Effekte gibt. Die kurzfristigen Effekte waren aber sehr klar: CBD war mit weniger Anspannung und Angstgefühlen verbunden, bei minimalen Nebenwirkungen."

Dr. L. Cinnamon Bidwell, Associate Professor für Psychologie und Neurowissenschaften an der University of Colorado Boulder

Die stille Epidemie unserer Zeit

Angststörungen gehören inzwischen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt, und sie haben in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen. In Deutschland erhielten im Jahr 2023 fast 8 Prozent der Erwachsenen in der ambulanten Versorgung die Diagnose einer Angststörung, bei Frauen lag der Anteil nahezu doppelt so hoch wie bei Männern (2). Weltweit erleben etwa 25 Prozent aller Menschen mindestens einmal im Leben eine Angststörung (3). Seit der COVID-19-Pandemie ist die Belastung durch Angstsymptome weiter gestiegen, besonders bei jungen Frauen zwischen 18 und 29 Jahren (2).

Konventionelle Medikamente wie Antidepressiva werden bei akuten Angstzuständen häufig eingesetzt. Gerade in der Langzeitanwendung berichten viele Betroffene aber von Problemen: Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, sexuelle Probleme und Gewichtszunahme sind häufig, und das Absetzen kann starke Absetzerscheinungen verursachen. Es gibt ausserdem Hinweise auf einen Wirkverlust bei längerem Gebrauch sowie auf gesundheitliche Risiken bei dauerhafter Einnahme.

Es überrascht deshalb kaum, dass sich viele Menschen für pflanzliche Ansätze interessieren. Cannabidiol (CBD) steht dabei seit Jahren im Fokus des öffentlichen Interesses. Doch wie belastbar ist die Datenlage zu CBD wirklich? Neue Forschungsergebnisse liefern nun aussagekräftigere Daten dazu, wie CBD-dominante Cannabisprodukte mit Angstsymptomen zusammenhängen, und die Ergebnisse sind überraschend deutlich (1).

Was diese im Februar 2024 im Fachjournal Cannabis and Cannabinoid Research veröffentlichte Untersuchung so bemerkenswert macht

Es handelt sich um die erste randomisierte Studie, die kommerziell erhältliche Cannabis-Produkte unter realen Anwendungsbedingungen untersucht hat (1). Das Forschungsteam um Dr. Cinnamon Bidwell rekrutierte 300 Teilnehmende mit Angstsymptomen und teilte sie in verschiedene Gruppen ein.

Die 258 Cannabis-Nutzer unter ihnen wurden quasi-randomisiert einer von drei Produktgruppen zugewiesen: einem THC-dominanten Produkt (24% THC, 1% CBD), einem CBD-dominanten Produkt (24% CBD, 1% THC) oder einem ausgewogenen Produkt mit jeweils 12% THC und CBD. Eine Kontrollgruppe von 42 Nicht-Konsumenten diente als Vergleich (1).

Da US-Bundesgesetze den Besitz von Cannabis auf Universitätsgeländen verbieten, fuhren die Forschenden mit einem mobilen Labor zu den Teilnehmenden nach Hause. Dort wurden diese über einen Zeitraum von vier Wochen jeweils vor und unmittelbar nach dem Konsum getestet. In dieser Zeit konnten sie die Produkte nach eigenem Ermessen nutzen. Im Durchschnitt konsumierten sie etwa dreimal pro Woche (1).

Die Forschung wurde mit öffentlichen NIH-Fördermitteln finanziert, und die Autoren erklären ausdrücklich, dass keine konkurrierenden finanziellen Interessen bestehen (1).

Die Ergebnisse: CBD zeigt ein klares Profil

Am Ende des Studienzeitraums berichteten alle vier Gruppen über weniger Angstsymptome. Die Cannabis-Gruppen zeigten jedoch deutlich grössere Veränderungen als die Kontrollgruppe, und die CBD-dominante Gruppe schnitt am besten ab (1).

Besonders bemerkenswert: Die Teilnehmenden der CBD-Gruppe berichteten unmittelbar nach dem Konsum von spürbar weniger Anspannung, ohne sich dabei beeinträchtigt zu fühlen. Zudem erlebten sie deutlich weniger Paranoia als die Teilnehmenden der beiden anderen Cannabis-Gruppen (1). Die Studie passt damit zu früheren Beobachtungen, wonach CBD möglicherweise einige der negativen akuten Effekte von THC abschwächen könnte.

Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass THC Angst langfristig nicht verstärkte und dass CBD-dominante Cannabis-Formen mit einer akuten Abnahme der Anspannung verbunden waren, die sich möglicherweise auch längerfristig zeigen könnte, fasst Gregory Giordano vom CU Center for Health and Neuroscience, Genes and Environment (CUChange) die Resultate zusammen (1).

Der wissenschaftliche Kontext: Was wir bereits wissen

Die Colorado-Studie steht nicht allein. Eine Meta-Analyse, die im September 2024 in Psychiatry Research erschien, wertete acht randomisierte Studien mit insgesamt 316 Teilnehmenden aus. Das Ergebnis: CBD zeigte einen statistisch signifikanten Effekt auf die gemessenen Angstwerte, mit einer beachtlichen Effektstärke (4).

Bereits 2015 hatte ein vielbeachtetes Review der New York University School of Medicine die präklinische und klinische Evidenz zusammengetragen. Das Team um Dr. Esther Blessing kam zum Schluss, dass präklinische Befunde CBD für generalisierte Angststörung, Panikstörung, soziale Angststörung, Zwangsstörung und posttraumatische Belastungsstörung als vielversprechendes Forschungsfeld erscheinen lassen, zumindest bei akuter Verabreichung (5).

Es gebe gute Hinweise darauf, dass CBD bei Angst und anderen Störungen ein interessanter Forschungsansatz sein könnte, so Dr. Blessing. „Aber wir brauchen klinische Studien, um das herauszufinden." (6)

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024, die elf randomisierte kontrollierte Studien analysierte, bestätigt diese vorsichtige Einschätzung. Trotz unterschiedlicher Dosierungen und Studiendesigns deuten die Daten darauf hin, dass CBD mit geringeren Angstwerten einhergehen könnte, bei minimalen Nebenwirkungen im Vergleich zu Placebo (7).

Zusammengefasst stützt die bisherige Studienlage die Ergebnisse der Colorado-Studie grundsätzlich. Allerdings untersuchten die meisten früheren Humanstudien nur akute Einmalgaben von CBD. Die Colorado-Studie ergänzt diese Befunde erstmals um reale Anwendungsbedingungen, kommerziell verfügbare Produkte und eine längere Beobachtungsdauer von vier Wochen.

Die biologische Perspektive: Was die Forschung untersucht

Aus pharmakologischer Sicht ist CBD ein bemerkenswertes Molekül. Anders als THC hat es nur eine geringe Affinität zum Cannabinoid-Rezeptor 1 (CB1R), wirkt aber als indirekter Agonist. Ausserdem interagiert CBD mit vielen anderen körpereigenen Rezeptoren, die nicht zum Endocannabinoid-System (ECS) gehören, etwa mit dem Serotonin-5-HT1A-Rezeptor, der eine zentrale Rolle bei der Regulation von Angst und Stimmung spielt, sowie mit dem TRPV1-Rezeptor, der an der Verarbeitung von Schmerz und Emotionen beteiligt ist (5).

Dr. Bidwell vermutet, dass auch Unterschiede zwischen CBD und THC bei entzündungsbezogenen Prozessen eine Rolle spielen könnten: Ein möglicher Erklärungsansatz sei, dass CBD-dominante Produkte entzündliche Vorgänge in Gehirn und Nerven beeinflussen. Interessanterweise könne zudem selbst ein geringer THC-Anteil von 1% einen schnellen Effekt auf die Stimmung haben (1).

Wichtige Einschränkungen: Was die Forschung noch nicht zeigt

Bei allen positiven Ergebnissen ist wissenschaftliche Zurückhaltung geboten. Die aktuelle Studienlage hat mehrere Grenzen: Die meisten Humanstudien haben bisher nur akute, einmalige CBD-Gaben untersucht. Zur langfristigen Anwendung und zu Dosierungen fehlen noch belastbare Daten (5). Die Colorado-Studie dauerte zwar vier Wochen, für fundierte Aussagen über Langzeiteffekte ist das aber noch zu kurz.

Die Dosierungen in den verschiedenen Studien variierten stark, von niedrigen Dosen bis zu mehreren hundert Milligramm täglich. Ein klares Dosierungsschema lässt sich aus der aktuellen Literatur nicht ableiten (7).

Zudem konzentrierte sich die Colorado-Studie auf Cannabis-Blüten zur Inhalation. Ob sich die Ergebnisse auf andere Darreichungsformen wie Öle oder Kapseln übertragen lassen, bleibt offen.

Zur Einordnung: Keine Therapieempfehlung

Wichtig: Diese Forschungsergebnisse sind keine medizinische Behandlungsempfehlung. Wer unter einer Angststörung leidet, sollte sich an qualifizierte Ärztinnen, Ärzte oder Psychotherapeuten wenden. Angststörungen sind behandelbar, und es gibt evidenzbasierte Therapieoptionen, von kognitiver Verhaltenstherapie bis zu verschiedenen Medikamentenklassen.

CBD-Produkte sind in der Schweiz und der EU auch als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich, unterliegen als solche aber nicht bei allen Anbietern einer standardisierten Qualitätskontrolle.

Ausblick: Eine Substanz, die ernst genommen wird

Die Colorado-Studie ist ein wichtiger Meilenstein in der CBD-Forschung. Erstmals wurde unter realen Bedingungen und mit kommerziell verfügbaren Produkten untersucht, wie verschiedene Cannabinoid-Profile mit Angstsymptomen zusammenhängen. Die Ergebnisse sind ermutigend, aber sie sind auch ein Aufruf zu weiterer Forschung.

Die Studie lege nahe, dass CBD-Produkte bei Erwachsenen mit weniger akuter Anspannung verbunden sein könnten, möglicherweise auch längerfristig, und zwar ohne zwingend dieselben Risiken wie THC oder verschreibungspflichtige Medikamente, resümiert Dr. Bidwell. „Wir brauchen mehr Daten, bevor wir abschliessende Empfehlungen geben können, aber das sind vielversprechende Nachrichten." (1)

Die Wissenschaft nimmt CBD ernst, und das sollten wir auch. Nicht als Wundermittel, sondern als Substanz, deren Eigenschaften weiter erforscht werden müssen.

Hinweis

Dieser Artikel dient ausschliesslich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Angststörungen oder anderen psychischen Beschwerden wende dich bitte an eine qualifizierte Fachperson.

Quellen

  1. Bidwell, L.C., et al. (2024), Cannabis and Cannabinoid Research
  2. Robert Koch-Institut (2024)
  3. IKK classic (2023)
  4. Han, K., et al. (2024), Psychiatry Research
  5. Blessing, E.M., et al. (2015), Neurotherapeutics
  6. NPR (2018)
  7. Coelho, C.F., et al. (2024)

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