„Wir brauchen mehr Daten, bevor wir abschließend sagen können, dass es langfristige positive Effekte gibt – aber die kurzfristigen Effekte waren sehr klar: CBD war mit Spannungs- und Angstreduktion verbunden, bei minimalen Nebenwirkungen."
Dr. L. Cinnamon Bidwell, Associate Professor für Psychologie und Neurowissenschaften an der University of Colorado Boulder
Die stille Epidemie unserer Zeit
Angststörungen gehören inzwischen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt, und sie nehmen in den letzten Jahrzehnten immer weiter zu. In Deutschland erhielten im Jahr 2023 fast 8 Prozent der Erwachsenen die Diagnose einer Angststörung in der ambulanten Versorgung, bei Frauen lag der Anteil nahezu doppelt so hoch wie bei Männern (2). Weltweit erleben etwa 25 Prozent aller Menschen mindestens einmal in ihrem Leben eine Angststörung (3). Seit der COVID-19-Pandemie stieg die Belastung durch Angstsymptome weiter an, besonders bei jungen Frauen zwischen 18 und 29 Jahren (2).
Konventionelle Medikamente wie Antidepressiva wirken bei der Behandlung von akuten Angstzuständen zwar oft gut und können Symptome effektiv lindern. Vor allem in der Langzeittherapie entstehen aber große Probleme: Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, sexuelle Probleme und Gewichtszunahme sind häufig, und das Absetzen der Medikamente kann starke Entzugserscheinungen verursachen. Es gibt außerdem Hinweise auf einen Wirkverlust bei längerem Gebrauch sowie gesundheitliche Risiken bei dauerhafter Einnahme.
Angesichts dieser Probleme überrascht es kaum, dass viele Menschen nach pflanzlichen Alternativen zu konventionellen Medikamenten suchen. Cannabidiol (CBD) steht dabei seit Jahren im Fokus des öffentlichen Interesses. Doch wie stark sind die Evidenzen für die Wirksamkeit von CBD wirklich? Neue Forschungsergebnisse liefern nun besser belastbare Daten zur Wirkung von CBD-dominanten Cannabisprodukten auf Angstsymptome, mit überraschend positiven Ergebnissen (1).
Was diese im Februar 2024 im Fachjournal Cannabis and Cannabinoid Research veröffentlichte Untersuchung so bemerkenswert macht:
Es handelt sich um die erste randomisierte Studie, die kommerziell erhältliche Cannabis-Produkte unter realen Anwendungsbedingungen untersucht hat (1). Das Forschungsteam um Dr. Cinnamon Bidwell rekrutierte 300 Teilnehmer mit Angstsymptomen und teilte sie in verschiedene Gruppen ein.
Die 258 Cannabis-Nutzer unter ihnen wurden quasi-randomisiert einer von drei Produktgruppen zugewiesen: einem THC-dominanten Produkt (24% THC, 1% CBD), einem CBD-dominanten Produkt (24% CBD, 1% THC) oder einem ausgewogenen Produkt mit jeweils 12% THC und CBD. Eine Kontrollgruppe von 42 Nicht-Konsumenten diente als Vergleichsgruppe (1).
Da US-Bundesgesetze den Besitz von Cannabis auf Universitätsgeländen verbieten, fuhren die Forscher mit einem mobilen Labor zu den Teilnehmern nach Hause. Dort wurden diese vor und unmittelbar nach dem Konsum getestet, über einen Zeitraum von vier Wochen. In dieser Zeit konnten sie die Produkte nach eigenem Ermessen nutzen. Durchschnittlich konsumierten die Teilnehmer etwa dreimal pro Woche (1).
Die Forschung wurde durch öffentliche NIH-Fördermittel finanziert und die Autoren erklären explizit, dass keine konkurrierenden finanziellen Interessen bestehen (1).
Die Ergebnisse: CBD überrascht mit klarem Profil
Am Ende des Studienzeitraums berichteten alle vier Gruppen über verminderte Angstsymptome. Doch die Cannabis-Gruppen zeigten deutlich größere Verbesserungen als die Kontrollgruppe und die CBD-dominante Gruppe schnitt am besten ab (1).
Besonders bemerkenswert dabei ist, dass die Teilnehmer der CBD-Gruppe unmittelbar nach dem Konsum von einer spürbaren Spannungsreduktion berichteten, ohne sich dabei beeinträchtigt zu fühlen. Sie erlebten zudem signifikant weniger Paranoia als die Teilnehmer in den beiden anderen Cannabis-Gruppen (1). Die Studie bestätigt damit frühere Beobachtungen, dass CBD möglicherweise einige der negativen akuten Effekte von THC abmildern könnte.
„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass THC langfristig keine Angst verstärkte und dass CBD-dominante Cannabis-Formen mit einer akuten Spannungsreduktion verbunden waren, die sich möglicherweise in längerfristige Angstreduktionen übertragen könnte", fasst Gregory Giordano vom CU Center for Health and Neuroscience, Genes and Environment (CUChange) die Resultate zusammen (1).
Der wissenschaftliche Kontext: Was wir bereits wissen
Die Colorado-Studie steht nicht isoliert. Eine aktuelle Meta-Analyse, die im September 2024 in Psychiatry Research erschien, wertete acht randomisierte Studien mit insgesamt 316 Teilnehmern aus. Das Ergebnis: CBD zeigte einen erheblichen signifikanten Effekt auf Angstsymptome mit einer beachtlichen Effektstärke (4).
Bereits 2015 hatte ein wegweisendes Review der New York University School of Medicine die präklinische und klinische Evidenz zusammengetragen. Die Autorinnen und Autoren um Dr. Esther Blessing kamen zu der Schlussfolgerung, dass präklinische Befunde CBD als vielversprechend für generalisierte Angststörung, Panikstörung, soziale Angststörung, Zwangsstörung und posttraumatische Belastungsstörung erscheinen lassen, zumindest bei akuter Verabreichung (5).
„Es gibt gute Evidenz dafür, dass CBD eine wirksame Behandlung für Angst und andere Störungen sein könnte", so Dr. Blessing. „Aber wir brauchen klinische Studien, um das herauszufinden." (6)
Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024, die elf randomisierte kontrollierte Studien analysierte, bestätigt diese vorsichtig optimistische Einschätzung. Trotz unterschiedlicher Dosierungen und Studiendesigns deuten die Daten darauf hin, dass CBD Angstsymptome reduzieren könnte, bei minimalen Nebenwirkungen im Vergleich zu Placebo (7).
Zusammenfassen also stützt die bisherige Studienlage die Ergebnisse der Colorado-Studie grundsätzlich. Allerdings untersuchten die meisten früheren Humanstudien nur akute Einmalgaben von CBD. Die Colorado-Studie ergänzt diese Befunde nun erstmals mit realen Anwendungsbedingungen, kommerziell verfügbaren Produkten und einer längeren Beobachtungsdauer von vier Wochen.
Die biologische Perspektive: Wie CBD wirken könnte
Aus pharmakologischer Sicht ist CBD ein bemerkenswertes Molekül. Anders als THC hat es zwar eine geringe Affinität zum endogenen Cannabinoid-Rezeptor 1 (CB1R), fungiert aber als indirekter Agonist. CBD interagiert aber auch mit vielen anderen körpereigenen Rezeptoren die nicht zum endocannabinoiden System (ECS) gehören, wie z.B. dem Serotonin-5-HT1A-Rezeptor, der eine zentrale Rolle bei der Regulation von Angst und Stimmung spielt, sowie mit dem TRPV1-Rezeptor, der bei der Verarbeitung von Schmerz und Emotionen beteiligt ist (5).
Dr. Bidwell vermutet, dass die stärkeren entzündungshemmenden Eigenschaften von CBD im Vergleich zu THC ebenfalls eine Rolle spielen könnten: „Es ist möglich, dass CBD-dominante Produkte Angst reduzieren könnten, indem sie Entzündungen im Gehirn und in den Nerven hemmen". Interessanterweise könne darüber hinaus selbst ein geringer THC-Anteil von 1% einen schnellen Effekt auf die Stimmung haben (1).
Wichtige Einschränkungen: Was die Forschung noch nicht zeigt
Bei all diesen positiven Ergebnissen ist trotzdem wissenschaftliche Zurückhaltung geboten. Die aktuelle Studienlage weist mehrere Limitationen auf: Die meisten Humanstudien haben bisher nur akute, einmalige CBD-Gaben untersucht. Zur langfristigen Anwendung und zu optimalen Dosierungen fehlen noch belastbare Daten (5). Die Colorado-Studie dauerte zwar vier Wochen, doch für fundierte Aussagen über Langzeiteffekte ist das noch zu kurz.
Die Dosierungen in den verschiedenen Studien variierten stark, von niedrigen Dosen bis hin zu mehreren hundert Milligramm täglich. Ein klares Dosierungsschema lässt sich aus der aktuellen Literatur noch nicht ableiten (7).
Zudem konzentrierte sich die Colorado-Studie auf Cannabis-Blüten zur Inhalation. Ob sich die Ergebnisse auf andere Darreichungsformen wie Öle oder Kapseln übertragen lassen, bleibt offen.
Zur Einordnung: Keine Therapieempfehlung
Es ist wichtig zu betonen: Diese Forschungsergebnisse stellen keine medizinische Behandlungsempfehlung dar. Personen, die unter Angststörungen leiden, sollten sich an qualifizierte Ärztinnen oder Psychotherapeuten wenden. Angststörungen sind behandelbar, und es existieren evidenzbasierte Therapieoptionen, von kognitiver Verhaltenstherapie bis zu verschiedenen Medikamentenklassen.
CBD-Produkte sind in der Schweiz und der EU auch als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich, unterliegen aber als solche nicht generell bei allen Anbietern einer standardisierten Qualitätskontrolle.
Ausblick: Eine Substanz, die ernst genommen wird
Die Colorado-Studie markiert einen wichtigen Meilenstein in der CBD-Forschung. Erstmals wurde unter realen Bedingungen und mit kommerziell verfügbaren Produkten untersucht, wie verschiedene Cannabinoid-Profile auf Angstsymptome wirken. Die Ergebnisse sind ermutigend – aber sie sind auch ein Aufruf zu weiterer Forschung.
„Unsere Studie legt nahe, dass CBD-Produkte Angst im Moment für Erwachsene lindern könnten, die sie verwenden, und möglicherweise auch langfristig – auf eine Weise, die bedeutsam ist und nicht unbedingt die gleichen Risiken oder Schäden wie THC oder verschreibungspflichtige Medikamente mit sich bringt", resümiert Dr. Bidwell. „Wir brauchen mehr Daten, bevor wir abschließende Empfehlungen geben können, aber das sind vielversprechende Nachrichten." (1)
Die Wissenschaft nimmt CBD ernst – und das sollten wir auch. Nicht als Wundermittel, sondern als Substanz mit interessantem therapeutischen Potenzial, das es weiter zu erforschen gilt.
Hinweis
Dieser Artikel dient ausschließlich der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Angststörungen oder anderen psychischen Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine qualifizierte Fachperson.