"Hey man, am I driving okay?"
"I think we're parked, man."
Cheech und Chong in „Up in Smoke“ (1978)
Nutzer berichten immer wieder, dass manche Cannabissorten sie eher stoned machen. Die Metapher „gesteinigt“ steht dafür, dass man eine stark entspannende und sedierende Wirkung spürt, also müde wird und wenig Energie hat, sich noch körperlich zu betätigen.
Andere Sorten lösen laut Nutzern eher ein mentales High aus, das nicht müde macht oder körperlich entspannt, sondern ihnen sogar eher einen Energieschub gibt, mit dem sie gut körperlichen Tätigkeiten nachgehen können. Das „stoned“-Gefühl wird dabei stereotyp Indica-Sorten zugeschrieben, das mentale „High“ den Sativas.
Reicht es also, sich bei der Sortenwahl nach den Labels Indica und Sativa zu richten, wenn man eher stoned oder high sein möchte?
Indica, Sativa, Ruderalis: Was steckt hinter den Begriffen?
Um diese Frage zu klären, sehen wir uns zuerst die Labels „Indica“ und „Sativa“ genauer an. Früher wurden Cannabissorten von den meisten Botanikern in zwei oder drei Arten unterteilt:
· Cannabis Sativa, ursprünglich aus äquatornahen Regionen wie Thailand, Mexiko oder Jamaika.
· Cannabis Indica: aus Regionen wie Afghanistan, Indien oder Nepal.
· Cannabis Ruderalis: Ursprünglich aus Zentralasien und Osteuropa, mit sehr wenig THC. Ruderalis-Sorten werden meist mit anderen Genetiken gekreuzt, um sogenannte „Autoflowering“-Sorten zu züchten. Ruderalis geht unabhängig vom jährlichen Lichtzyklus in die Blüte über und ist daher für den Innenanbau besonders unkompliziert. Allerdings sahen einige Botaniker Cannabis ruderalis schon lange nur als „Unterart“ von Cannabis.
Heute beschreiben Botaniker Cannabis nur noch als eine Art, nämlich Cannabis sativa L., für die Unterarten und darunter einige Varietäten vorgeschlagen werden. Indica- und Sativa-Sorten wären z. B. nach John McPartland und Ernest Small Varietäten. Für uns spielt diese Neuklassifikation allerdings keine grosse Rolle, denn auch als Varietäten könnten Indica- oder Sativa-Sorten spezifische Wirkeigenschaften wie oben beschrieben haben.
Warum die Unterscheidung Indica/Sativa heute kaum noch Aussagekraft hat
Die jahrzehntelange Prohibition und der Schwarzmarkt haben dazu geführt, dass Züchter weltweit unzählige Hybrid-Sorten geschaffen haben. Diese wurden gezielt auf Eigenschaften wie kurze Blütezeit, hohen Ertrag und diskreten Wuchs gezüchtet, was zu einer massiven Durchmischung der Genetik geführt hat. Wissenschaftler wie Dr. Ethan Russo und Dr. John M. McPartland kritisieren daher, dass die Begriffe „Indica“ und „Sativa“ heute kaum noch verlässlich sind, um die tatsächliche Wirkung einer Sorte vorherzusagen.
Auch sogenannte „Landrassen“ (also ursprüngliche, lokal angepasste Sorten) sind weltweit fast verschwunden: Selbst in entlegenen Regionen finden sich heute meist Hybride mit niederländischer Genetik.
Warum klassifizieren dann selbst grosse Cannabis-Seedbanks ihre Genetiken immer noch als „Sativa“ und „Indica“ und machen Aussagen wie „70 % Sativa-Anteil“, um bestimmte Wirkeigenschaften zu erklären? Vor einiger Zeit sprach ich mit einer Content-Managerin einer Cannabisfirma, die sich des Problems sehr bewusst war und für diese Praxis klare Worte fand: „Käufer googeln nach ‚Indica‘ oder ‚Sativa‘, wenn sie Seeds suchen. Wenn wir die Klassifikation aufgeben, verlieren wir ganz einfach massiv Kunden und Umsatz!“
Synergistische Effekte
Wir müssen uns also eher die Zusammensetzung einzelner Sorten ansehen, wenn wir wissen wollen, ob sie sedierend wirken oder nicht. Wir wissen, dass in Cannabis neben den über 140 Cannabinoiden auch ca. 200 Terpene, über 20 Flavonoide und andere Substanzen vorkommen, die potenziell synergistisch wirken (siehe Artikel „Wie Pflanzenstoffe im Zusammenspiel wirken“). Verschiedene Cannabissorten haben stark unterschiedliche Anteile dieser Substanzen, was vermuten lässt, dass einige davon im Zusammenspiel mit THC oder auch CBD zu sedierenden oder anderen Effekten führen.
Es gibt bereits einige Kandidaten, für die präklinische Studien und Erfahrungsberichte auf eher sedierende und beruhigende Effekte hindeuten, darunter vor allem die Terpene Myrcen (eher sedierend in Synergie mit THC) und Linalool (in Studien auf beruhigende Effekte untersucht). Diese Terpene kommen auch sonst in höherem Anteil in klassischen reinen Indica-Landrassen (vor der starken Hybridisierung) vor.
Der Neurologe und Cannabisexperte Ethan Russo beschreibt Myrcen als das dominierende Terpen in vielen Cannabissorten und verweist auf Studien zu seinen sedierenden, muskelentspannenden und schlaffördernden Eigenschaften. Er weist auch darauf hin, dass Myrcen die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke erhöhen und so die Wirkung von THC verstärken könnte. Darüber hinaus hält Russo es für möglich, dass ein Terpen wie Alpha-Pinen zu höherer Wachsamkeit und einem besseren Erinnerungsvermögen führen könnte.
Viele Nutzer berichten, dass gealtertes oder stark erhitztes Cannabis tendenziell eher einen „stoned“ Effekt auslöst. Bisher vermuteten viele, dass das THC-Abbauprodukt Cannabinol (CBN) dafür verantwortlich sein könnte, was auch Ethan Russo für möglich hält. Auch wenn CBN in Reinform nicht sedierend ist, könnte es synergistisch mit THC sedierend wirken. Laut Russo könnte es aber auch sein, dass in gealtertem Cannabis die Monoterpenoide verdampft sind und die stärker sedierenden sauerstoffhaltigen Sesquiterpenoide zurückgeblieben sind.
Biphasische Effekte
Darüber hinaus spielen biphasische Effekte von THC und CBD eine zentrale Rolle bei der individuellen Wirkung von Cannabis. Das bedeutet, dass die Wirkung je nach Dosis in entgegengesetzte Richtungen gehen kann: Niedrige Dosen THC werden oft als anregend und stimmungsaufhellend beschrieben, während höhere Dosen zu Sedierung, Angst oder Paranoia führen können. Ähnlich gibt es Hinweise darauf, dass auch CBD in niedrigen Dosen eher aktivierende, in höheren Dosen jedoch beruhigende Effekte haben könnte.
Individuelle Effekte: Genetik und andere Faktoren
Cannabis wirkt individuell sehr unterschiedlich, was sich durch mehrere Faktoren erklären lässt. Erstens beeinflussen genetische Varianten, insbesondere im Endocannabinoid-System, wie stark und auf welche Weise Menschen auf Cannabis reagieren. Frauen reagieren oft empfindlicher auf THC und erleben bei geringerer Dosis stärkere psychoaktive Effekte; Studien sehen bei ihnen auch stärkere Effekte auf das Schmerzempfinden, was auf hormonelle Einflüsse zurückgeführt wird. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle, wenn wir die individuelle Wirkung von Cannabis erklären wollen, z. B. (Mind)set und Setting, also Stimmung und Charakter sowie der jeweilige Kontext des Konsums, und die Toleranzbildung.
Praktische Tipps
Wie kann ich also beeinflussen, ob ich mit einer bestimmten Cannabissorte eher „stoned“ oder „high“ werde?
· Sich bei der Sortenwahl an Labels wie Sativa/Indica zu orientieren, ist dafür inzwischen nicht mehr sinnvoll.
· Als Arbeitshypothese ist es sinnvoll, sich das Terpenprofil der Sorte anzusehen und auf die Anteile der Terpene Myrcen oder Linalool zu achten.
· Abbauprodukte von THC oder CBD, die z. B. bei starker Hitze oder in veralteten Produkten entstehen, stehen im Verdacht, in Synergie mit THC sedierend zu wirken. Wer nicht müde werden möchte, sollte Konsumform und Produkte tendenziell so wählen, dass sie nicht zu stark erhitzt werden.
· Angaben von Firmen zu Erfahrungen mit Cannabis-Genetiken bekannter Sorten sind mit Vorsicht zu geniessen. Auf dem Markt gibt es noch viel Variation und wenig Standardisierung. Firmen wie HEIMAT, die selbst Cannabis in einem regulierten und legalen Kontext anbauen, können verlässlichere Angaben über ihre Sorten machen.
· Die Dosierung spielt eine zentrale Rolle, da THC und CBD biphasisch wirken; auch hier lohnt es sich, selbst zu experimentieren, um die besten Ergebnisse zu erzielen. Start low, go slow: langsam hochdosieren.
· Da die Wirkung einer Sorte auch von der eigenen genetischen Konstitution und anderen Faktoren abhängt, solltest du selbst mit verschiedenen Sorten experimentieren, um zu sehen, wie eine bestimmte Sorte auf deinen Organismus wirkt.
· Führe ein Konsumtagebuch: Notiere dir Sorte, Dosis, Konsumform und Wirkung, um Muster zu erkennen und deine Erfahrungen gezielt zu optimieren.
· Vermeide Mischkonsum: Der gleichzeitige Konsum von Cannabis mit Alkohol oder anderen Substanzen kann die Wirkung unvorhersehbar verändern und Risiken erhöhen.
· Lagere Cannabis richtig: Bewahre Cannabisprodukte kühl, dunkel und luftdicht auf.
Fazit
Die Auswahl der richtigen Cannabis-Sorte ist komplexer, als die Unterscheidung zwischen Indica und Sativa vermuten lässt. Wichtig ist vielmehr ein Blick auf das individuelle Terpen- und Cannabinoid-Profil sowie auf persönliche Faktoren wie Genetik, Dosierung und Konsumumfeld. Wer bewusst und experimentierfreudig vorgeht, kann die passende Sorte und Anwendung für sich finden. Letztlich ist ein informierter, reflektierter Umgang der Schlüssel zu einer positiven und sicheren Cannabis-Erfahrung.
Hinweis: Die hier dargestellten Informationen dienen ausschliesslich der Aufklärung und stellen keine medizinischen Empfehlungen dar. Für die Behandlung von Krankheiten wende dich bitte an medizinisches Fachpersonal.
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