High oder Stoned? CBN, Myrcen, und das Ende von Sativa/Indica

High oder Stoned? CBN, Myrcen, und das Ende von Sativa/Indica

Vordenker an der Schnittstelle von Philosophie, Bewusstseinsforschung und Markenstrategie. Autor international beachteter Sachbücher und Berater für Kommunikationsprozesse mit Tiefgang.

Dr. Sebastián Marincolo

Vordenker an der Schnittstelle von Philosophie, Bewusstseinsforschung und Markenstrategie. Autor international beachteter Sachbücher und Berater für Kommunikationsprozesse mit Tiefgang.

Inhaltsverzeichnis

"Hey man, am I driving okay?"

"I think we're parked, man."

Cheech and Chong in "Up in Smoke" (1978)

 

Nutzer haben immer wieder berichtet, dass manchen Sorten von Cannabis sie eher stoned machen, wobei die Metapher "gesteinigt" dafür steht, dass man eine stark entspannende und sedierende Wirkung hat, also müde wird und wenig Energie hat, um sich noch körperlich zu betätigen.

Auf der anderen Seite berichten Nutzer, dass andere Sorten eher ein mentales High auslösen, das nicht müde macht oder körperlich entspannt und ihnen sogar eher noch einen Energieschub gibt, mit dem sie auch gut körperliche Tätigkeiten nachgehen können. Das "stoned"-Gefühl wird dabei dann stereotypisch Indica-Sorten zugeschrieben, während man das mentale "high" den Sativas zuschreibt.

Reicht es also, sich bei der Sortenwahl nach den Labels Indica und Sativa zu richten, wenn man eher stoned oder high sein möchte?

 

Indica, Sativa, Ruderalis: Was steckt hinter den Begriffen?

 

Sehen wir uns erst einmal die Labels "Indica" und "Sativa" genauer an, um diese Frage zu klären. Früher wurden Cannabissorten von den meisten Botanikern in zwei oder drei Arten unterteilt:

· Cannabis Sativa, ursprünglich aus äquatornahen Regionen wie Thailand, Mexiko oder Jamaika.

· Cannabis Indica: aus Regionen wie Afghanistan, Indien oder Nepal.

· Cannabis Ruderalis: Ursprünglich aus Zentralasien und Osteuropa, mit sehr wenig THC. Ruderalis-Sorten werden meist zur Züchtung sogenannter "Autoflowering"-Sorten mit anderen Genetiken gekreuzt. Ruderalis geht unabhängig vom jährlichen Lichtzyklus in die Blüte über und ist daher für den Innenanbau besonders unkompliziert. Cannabis ruderalis wurde allerdings schon lange von einigen Botanikern nur als eine "Unterart" von Cannabis gesehen.

Heute wird Cannabis von Botanikern nur noch als eine Art, nämlich Cannabis Sativa L. beschrieben, mit Unterarten und darunter noch einigen Varietäten vorgeschlagen. Indica und Sativa-Sorten wären z.B. nach Donald Partland und Ernest Small Varietäten. Allerdings spielt diese Neuklassifikation für uns keine große Rolle, denn auch als Varietäten könnten Indica- oder Sativa-Sorten spezifische Wirkeigenschaften wie oben beschrieben haben.

 

Warum die Unterscheidung Indica/Sativa heute kaum noch Aussagekraft hat

 

Die jahrzehntelange Prohibition und der Schwarzmarkt haben dazu geführt, dass Züchter weltweit unzählige Hybrid-Sorten geschaffen haben. Diese wurden gezielt auf Eigenschaften wie kurze Blütezeit, hohen Ertrag und diskreten Wuchs gezüchtet, was zu einer massiven Durchmischung der Genetik geführt hat. Wissenschaftler wie Dr. Ethan Russo und Dr. John M. Partland kritisieren daher, dass die Begriffe "Indica" und "Sativa" heute kaum noch verlässlich sind, um die tatsächliche Wirkung einer Sorte vorherzusagen.

Auch sogenannte "Landrassen" - also ursprüngliche, lokal angepasste Sorten - sind weltweit fast verschwunden: Selbst in entlegenen Regionen finden sich heute meist Hybride mit niederländischer Genetik.

Warum klassifizieren dann selbst große Cannabis-Seedbanks ihre Genetiken immer noch unter "Sativa" und "Indica" und machen Aussagen wie "70% Sativa Anteil" als Erklärung bestimmter Wirkeigenschaften? Vor einiger Zeit sprach ich mit einer Content Managerin einer Cannabisfirma, die sich der Problematik sehr bewusst war und für diese Praxis sehr klare Worte fand: "Käufer googeln nach "Indica" oder "Sativa", wenn sie Seeds für sich suchen. Wenn wir die Klassifikation aufgeben, verlieren wir ganz einfach massiv an Kunden und Umsatz!"

 

Synergistische Effekte

 

Wir müssen uns also eher die Zusammensetzung einzelner Sorten ansehen, wenn wir wissen wollen, ob diese sedierend wirken oder nicht. Wir wissen, dass es in Cannabis außer den über 140 Cannabinoiden auch ca. 200 Terpene, über 20 Flavonoide, und andere Substanzen vorkommen, die potentiell synergistisch wirken. (siehe Artikel "Wie Pflanzenstoffe im Zusammenspiel wirken"). Verschiedene Cannabissorten haben stark unterschiedliche Anteile dieser Substanzen, was vermuten lässt, dass einige Substanzen im Zusammenspiel mit THC oder auch CBD zu sedierenden oder anderen Effekten führen.

Es gibt schon einige Kandidaten, für die es präklinische Studien und Erfahrungsberichte gibt, dass sie eher zu sedierenden und beruhigenden Effekten führen, darunter vor allem die Terpene Myrcen (eher sedierend in Synergie mit THC) und Linalol (eher beruhigend und angstlösend). Dies sind Terpene, die auch sonst in höherem Anteil in klassischen reinen Indica-Landrassen (vor der starken Hybridisierung) vorkommen.

Der Neurologe und Cannabisexperte Ethan Russo beschreibt Myrcen als das dominierende Terpen in vielen Cannabissorten und hebt seine sedierenden, muskelentspannenden und schlaffördernden Eigenschaften hervor. Er verweist auch darauf, dass Myrcen die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke erhöht und so die Wirkung von THC verstärken könnte. Darüber hinaus glaubt Russo, dass z.B. das Terpen wie Alpha-Pinen zu höherer Wachsamkeit und einem besseren Erinnerungsvermögen führen könnte.

Viele Nutzer haben berichtet, dass gealtertes oder stark erhitztes Cannabis tendenziell eher einen "stoned" Effekt auslöst. Bisher wurde von vielen vermutet, dass das Abbauprodukt von THC Cannabinol (CBN) dafür verantwortlich sein könnte, was laut Ethan Russo für möglich hält. Auch wenn dies in Reinform nicht sedierend ist, könnte es synergistisch mit THC sedierend wirken. Laut Russo könnte es aber auch so sein, dass Monoterpenoide in gealtertem THV verdampft sind und die mehr sedierenden sauerstoffhaltigen Sesquiterpenoide zurückgelassen haben.

 

Biphasische Effekte

 

Darüber hinaus spielen biphasische Effekte von THC und CBD eine zentrale Rolle bei der individuellen Wirkung von Cannabis. Das bedeutet, dass die Wirkung dosisabhängig in entgegengesetzte Richtungen verlaufen kann: Niedrige Dosen von THC wirken oft anregend und stimmungsaufhellend, während höhere Dosen zu Sedierung, Angst oder Paranoia führen können. Ähnlich gibt es Hinweise darauf, dass CBD ebenfalls in niedrigen Dosen eher aktivierende, in höheren Dosen jedoch beruhigende Effekte haben könnte.

 

Individuelle Effekte: Genetik und anderer Faktoren

 

Cannabis wirkt individuell sehr unterschiedlich, was durch mehrere Faktoren erklärt werden kann. Erstens beeinflussen genetische Varianten, insbesondere im Endocannabinoid-System, wie stark und in welcher Weise Menschen auf Cannabis reagieren. Frauen reagieren oft empfindlicher auf THC, erleben stärkere psychoaktive Effekte bei geringerer Dosis und profitieren stärker von schmerzlindernden Eigenschaften, was auf hormonelle Einflüsse zurückgeführt wird. Auch andere Faktoren spiele eine Rolle, wenn wir die individuelle Wirkung von Cannabis erklären wollen, wie z.B. (Mind)set und Setting, also Stimmung und Charakter sowie der jeweilige Kontext der Einnahme, sowie Toleranzbildung.

 

Praktische Tipps

 

Wie kann ich also beeinflussen, ob ich mit einer bestimmten Sorte von Cannabis eher "stoned" oder "high" werde?

· Die Orientierung an Labeln wie Sativa/Indica ist diesbezüglich inzwischen bei der Sortenwahl nicht mehr sinnvoll.

· Als Arbeitshypothese macht es Sinn, sich das Terpenprofil der Sorte anzusehen und auf Anteile der Terpene Myrcen oder Linalol zu achten.

· Abbauprodukte von TCH oder CBD, die z.B. bei großer Hitzeeinwirkung oder veralteten Produkten entstehen, stehen im Verdacht, in Synergie mit THC sedierend zu wirken. Tendenziell würde ich empfehlen, die Einnahmeform und Produkte so zu wählen, dass sie nicht zu stark erhitzt werden, wenn man nicht müde werde möchte.

· Die Angaben über Erfahrungsberichte von Firmen zu Cannabis-Genetiken bekannter Sorten sind mit Vorsicht zu genießen. Auf dem Markt gibt noch viel Variation und wenig Standardisierung. Firmen wie HEIMAT, die selbst Cannabis in einem regulierten und legalen Kontext anbauen, können verlässlichere Angaben über ihre Sorten machen.

· Dosierung spielt eine zentrale Rolle, da THC und CBD biphasisch wirken; auch hier sollte man für sich experimentieren, um beste Ergebnisse zu erzielen. Start low, go slow, langsam hochdosieren.

· Da die Wirkung einer Sorte auch von der eigenen genetischen Konstitution und anderen Faktoren abhängt, sollte man selbst mit verschiedenen Sorten experimentieren, um zu sehen, wie ein bestimmte Sorte auf den eigenen Organismus wirkt.

· Führe ein Konsumtagebuch: Notiere dir Sorte, Dosis, Konsumform und Wirkung, um Muster zu erkennen und deine Erfahrungen gezielt zu optimieren.

· Vermeide Mischkonsum: Der gleichzeitige Konsum von Cannabis mit Alkohol oder anderen Substanzen kann die Wirkung unvorhersehbar verändern und Risiken erhöhen.

· Lagere Cannabis richtig: Bewahre Cannabisprodukte kühl, dunkel und luftdicht auf.

 

Fazit

 

Die Auswahl der richtigen Cannabis-Sorte ist komplexer als die Unterscheidung zwischen Indica und Sativa vermuten lässt. Wichtig ist vielmehr ein Fokus auf das individuelle Terpen- und Cannabinoid-Profil sowie persönliche Faktoren wie Genetik, Dosierung und Konsumumfeld. Wer bewusst und experimentierfreudig vorgeht, kann die für sich passende Sorte und Anwendung finden. Letztlich ist ein informierter, reflektierter Umgang der Schlüssel zu einer positiven und sicheren Cannabis-Erfahrung.

 

Hinweis: Die hier dargestellten Informationen dienen ausschließlich der Aufklärung und stellen keine medizinischen Empfehlungen dar. Für die Behandlung von Krankheiten wenden Sie sich bitte an medizinisches Fachpersonal.

 

Quellen

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2. Christensen, C., Rose, M., Cornett, C., & Sufka, K. J. (2023). Decoding the Postulated Entourage Effect of Medicinal Cannabis: What It Is and What It Isn't. Biomedicines, 11(8), 2323. https://doi.org/10.3390/biomedicines11082323

 

3. Colizzi, M., & Bhattacharyya, S. (2018). Cannabis use and the development of tolerance: A systematic review of human evidence. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 93, 1-25. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2018.06.012

 

4. Cooper, Z. D., & Craft, R. M. (2018). Sex differences in cannabinoid pharmacology: A reflection of differences in the endocannabinoid system? British Journal of Pharmacology, 175(14), 3139-3149. https://doi.org/10.1111/bph.14134

 

5. Hartogsohn, I. (2017). Constructing drug effects: A history of set and setting. Drug Science, Policy and Law, 3, 1-17. https://doi.org/10.1177/2050324516683325

 

6. Hillig, K. W., & Mahlberg, P. G. (2004). A chemotaxonomic analysis of cannabinoid variation in Cannabis (Cannabaceae). American Journal of Botany, 91(6), 966-975.

 

7. Marincolo, S. (2021). Die Kunst des Highs. Wie wir mit Cannabis unser Bewusstsein bereichern können. Tredition Verlag.

 

8. McPartland, J. M., Guy, G. W., & Hegman, W. (2019). Cannabis taxonomy: The "Sativa" and "Indica" debate. In G. W. Guy, B. A. Whittle, & P. Robson (Eds.), The Medicinal Uses of Cannabis and Cannabinoids (pp. 145-161). Pharmaceutical Press.

 

9. McPartland, J. M., & Small, E. (2020). A classification of endangered high-THC cannabis (Cannabis sativa subsp. indica) domesticates and their wild relatives. PhytoKeys, 144, 81-112. https://doi.org/10.3897/phytokeys.144.46700

 

10. Russo, E. B. (2011). Taming THC: potential cannabis synergy and phytocannabinoid-terpenoid entourage effects. British Journal of Pharmacology, 163(7), 1344-1364. https://doi.org/10.1111/j.1476-5381.2011.01238.x

 

11. Russo, E. B., & Marcu, J. (2017). Cannabis pharmacology: The usual suspects and a few promising leads. Advances in Pharmacology, 80, 67-134. https://doi.org/10.1016/bs.apha.2017.03.004

 

12. Small, E., & Cronquist, A. (1976). A practical and natural taxonomy for Cannabis. Taxon, 25(4), 405-435.

 

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