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Warum der Tüftler Roger Koch entgegen dem Zeitgeist Zigaretten produziert

Tüftler Roger Koch stopft seine Zigaretten ausschliesslich mit Schweizer Tabak. Er lanciert die neue Geschäftsidee ausgerechnet in einer Zeit, in der das Rauchen ausser Mode kommt. Hat sein Traum eine Zukunft?

Roger Koch steht in der abgewetzten Fabrikhalle in Steinach im Kanton St. Gallen und raucht erst mal eine. Das Rauchen in dieser Halle ist zu seinem Geschäft geworden. Neben ihm liegen zwei Zigarettenschachteln mit dem emotional durchdringenden Namen «Heimat» auf dem Tisch. Die blasse Packung heisst «Heimat hell», die braune «Heimat dunkel». Die helle war für Frauen gedacht, die dunkle für Männer, etwas herber, etwas rauchiger. Nun zeigen erste Verkaufsstatistiken: Die meisten Käufer sind eh Männer.

Doch für Koch ist das nicht so wichtig. Wichtiger ist die Zahl 125 000, so viele Zigaretten-Päckchen hat er bisher verkauft. Nach vier Monaten auf dem Schweizer Markt. Das ist keine schlechte Bilanz. Sie zeigt, dass aus einem Bubentraum manchmal etwas werden kann. Aber vor allem, dass Schweizer Tabak nicht so widerlich zu rauchen sein muss, wie es die Schweiz über Jahrhunderte behauptete.

Zwar haben mehrere internationale Tabakfirmen einen Sitz in der Schweiz. Im Gegensatz zu typischen Schweizer Zigarettenmarken wie Parisienne ist «Heimat» aber die erste Schweizer Zigarette, die ausschliesslich mit Schweizer Tabak gefüllt ist, mit getrockneten Blättern von Tabakfeldern aus der ganzen Schweiz, vor allem aus der Romandie.

Wo das Feld genau steht, weiss hier niemand. Aber das ist auch nicht so wichtig, denn man kennt den Bauern, man weiss, dass im Wallis die Sonne scheint, dass dort der Boden arm an Nährstoffen ist. Und man hat eine Genehmigung vom Bund. Denn der 41-jährige Koch baut keine Tomaten an oder Gurken, er baut Tabak an. Auch ein Naturprodukt. Aber eines, das Teer absondert, wenn man es raucht. Eines, das abhängig macht, wegen des Nikotins. Eines, das den amerikanischen Multimilliarden-Unternehmen wie Barclay Kopfschmerzen bereitet, weil es immer weniger Menschen mit gutem Gewissen konsumieren.

Zigis bastelte er schon mit zwölf

Doch darüber mag sich Koch nicht den Kopf zerbrechen. Er sieht nicht den Teer, die steigenden Gesundheitskosten und die Warnkleber auf den Schachteln. Er sieht ein Naturprodukt, eine Pflanze, die in der Schweiz seit über 400 Jahren angebaut wird, ohne, dass irgendeiner damit je exklusiv etwas gemacht hätte. «Mir ist auch nicht klar, warum», sagt Koch, vielleicht habe man den nicht Mut gehabt. «Aber klar war: Alle Experten, alle Kenner, mit denen ich gesprochen habe, sagten: ‹Schweizer Tabak kannst du nicht rauchen›.» Roger Koch glaubte ihnen nicht. Und fing an, anzubauen.

Bei seiner ersten Zigarette war er zwölf Jahre alt, rauchte sie mit seinem Grossvater in einem Waldstück bei Zihlschlacht TG, im Sommer 1987, eine Select. Im gleichen Sommer bastelte der Bube Koch seine ersten Zigaretten, ein Gestrüppgemisch aus Kastanien- und Eichenblättern, unrauchbar. «Schädel Extra» hiess seine Kreation, mit Scotch zusammengeklebt. Auf seinem Flohmarkt kaufte sie kein Mensch.

Heute werden in der Schweiz jährlich 1000 Tonnen Tabak angebaut, und Koch ist der Einzige, der für seine Zigaretten «Heimat» nur heimischen Tabak verwendet. Für seine Firma «Koch & Gsell», eine Hommage an seinen Grossvater Ernst Gsell.

Die Blätter der Sorten «Virginia» und «Burley» werden in die kleine Fabrikhalle in Steinach gefahren, gelagert, in Maschinen zerteilt, in Zigarettenpapier gefüllt und in Schachteln verpackt an den Kunden verkauft. Je trockener der Sommer, desto intensiver das Aroma, je länger das Blatt am Baum hängt, desto mehr Nikotin nimmt es auf. Es sind biologische Schwankungen wie bei einer Kartoffel, einer Aprikose, Mais.

Über Monate hat Koch an der richtigen Mischung herumgeprobt, er hat sich die Blätter angeschaut, sie Hunderte Male zerbröselt, er hat sie mit Wasser gemischt und mit Tee, mit Kräutern und mit Schokolade. Er hat sich neben der Fabrikhalle ein kleines Labor aufgebaut, ein paar Chromstahlschüsseln auf einem alten Holztisch, kaum grösser als zwei Armlängen breit. Wenn die Sonne scheint, stellt er die Schalen auf sein Autodach, das trocknet gut.

Kurz spricht Koch von seiner Giardino-Mischung, die in Arbeit sei, mit Schweizer Früchten, «doch das ist nur eine Idee». Er ist keiner, der sich zufriedengibt mit der ersten Idee. Er will mit dem Tabak spielen wie ein Kind, alles benutzen, was er findet. Seit Kurzem baut er Gewürztabak an, «das erste Mal, dass das einer macht, in der Schweiz», kurz huscht Stolz über seine Stimme, «auf das Experiment freue ich mich wie ein kleines Kind».

Lokal entspricht dem Zeitgeist

Koch hat all seine Ersparnisse in dieses Unterfangen gesteckt, «alles, was da war», und seine Frau meinte: Wenn du das willst, dann machs. Bevor dieses Lager in sein Leben kam, pröbelte er in der heimischen Küche rum, so lange, bis sein Körper von Nikotin und Tabak vollgesogen auf dem Küchenboden lag. Geschwitzt wie ein Esel habe er, sagt Koch, zwei Stunden sei er auf dem Boden gelegen. Er ist sich sicher: Das war eine Nikotinvergiftung. Und seine Frau sagte: Das ist eben dein Berufsrisiko.

Koch hat in Zeiten der Globalisierung im Tabakgeschäft genau das gemacht, was in der Schweiz auch beim Fleisch und Gemüse funktioniert: lokale Produktion, von uns, von hier. «Es wächst so viel Gutes vor unserer Haustür – wieso sollten wir das nicht nutzen?» Er weiss, dass das nicht nur eine romantisierte Vorstellung von Heimat ist, sondern auch ein mögliches Geschäftsmodell. Wenn alle mit etwas aufhören, lohnt es sich vielleicht, damit anzufangen. Dass er ein Suchtmittel verkauft, stört ihn nicht. «Ich rauche gerne. Ich produziere also, was ich selbst gern konsumiere.»

Am Anfang hatte Koch bei jeder Runde rund 30 Prozent Ausschuss, ein Drittel war für die Tonne. Mittlerweile hat sich die Zahl nach unten korrigiert. Trotz all diesen Maschinen sieht sich Koch als Handwerker, als Tüftler und als Hofproduzent. An einem Spitzentag spucken seine Maschinen 800 Zigaretten pro Minute aus, bei einem Tabakriesen wie Philipp Morris seien es 20 000. «Das ist Handarbeit!», ruft Koch in den Raum, natürlich, und das, was er jetzt tut, ist Rohstoff verarbeiten, nicht nur Büroarbeit oder Management, sondern sinnliche Wahrnehmung.

Er hatte schon ein anständiges Leben vor dieser Idee, bereits eine eigene Firma, Angestellte, eine stabile Familie, fünf Kinder. Er kann es sich leisten, nun alles auf eine Karte zu setzen und seine Stunden hier zu verbringen, auf der Suche nach der besten Tabakmischung.

Im Herbst kommen die ersten Probierpackungen mit Schnitttabak auf den Markt, für die, die selber drehen. Und danach vielleicht neue Eigenkreationen. Mit Schweizer Alpenkräutern, mit Lavendel, Hopfen. Eine Tabakmischung mit Äpfeln werde es wahrscheinlich keine geben. Die, sagt Roger Koch, könne man bisher nun wirklich nicht rauchen.

Von Anna Miller, Aargauer Zeitung, Nordwestschweiz

Publiziert in: Aargauer Zeitung | Nordwestschweiz, 9. August 2016
Roger Koch
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