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Seit wann gibt es eigentlich Tabak in der Schweiz?

Bereits vor über 400 Jahren wurde Tabak in der Schweiz angebaut. Dieses Urschweizer Gewächs hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Der Historiker Vincent Pick hat sich für Koch & Gsell auf eine Spurensuche in die Vergangenheit begeben.

Die Einführung des Tabaks in der Schweiz im 16. Jahrhundert

Wie verschiedene Autoren vermuten, wurde der Tabak in der Schweiz durch französische Hugenotten bekannt gemacht. Die erste Erwähnung von Tabak und dem Anbau von Tabak findet sich für die Schweiz in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Der Zürcher Naturforscher Konrad Gesner erhielt in der ersten Hälfte der 1560er-Jahre Blätter einer Pflanze, welche ihm der Memminger Arzt Johann Funk im Auftrag des Augsburger Stadtarztes Adolf Occo zukommen liess, mit der Bitte, deren Art zu bestimmen. Wie ein Brief von Gesner an Occo zeigt, kannte auch der Zürcher Botaniker die Blätter nicht, vermutete jedoch, dass es sich um ein Exemplar eines neuen Krauts handle, das nach Frankreich gebracht worden war. Laut Gesner «nennen es [die einen] vom Namen des Gesandet her Nikotinia, die anderen Pontiana oder Potium vom Namen des Thevetus [...] her». Um eine eindeutige Bestimmung zu erhalten, holte sich Gesner Rat beim Berner Theologen Benedikt Aretius (Marti von Bätterkinden). Dank der von Aretius übermittelten Zeichnung und Beschreibung einer Pflanze, die dieser in seinem Garten zog und «Pontiana» nannte, war Gesner eindeutig in der Lage, die Blätter der Tabakpflanze zuzuordnen, wie ein Schreiben vom 24. November 1565 von Gesner an Aretius zeigt: «Ich danke Dir erneut für die mir von Neuem beschriebene und abgezeichnete Pontiana mit ihrer äusserst geschmacksvollen Blüte. Wenn Dir die Pflanze zugrunde geht, wie ich befürchte, dass sie es wird (denn beinahe alle Pflanzen, die im ersten Jahr blühen, gehen im selben [Jahr] zugrunde) bewahre mir eine Wurzel und schicke sie mir bei Gelegenheit, entweder allein oder lieber an ihrem Strunk haftend, wie beschaffen der auch immer ist [...].»

In einem Brief an den Basler Arzt Theodor Zwingger vom 26. November 1565, in dem Gesner nochmals auf die Abbildung zu sprechen kam, welche ihm Aretius geschickt hatte, bestätigt Gesner, dass es sich bei der Pflanze eindeutig um Tabak gehandelt haben muss. So äusserte er gegenüber Zwingger die Hoffnung, bald Samen von der Pflanze aus der Neuen Welt zu bekommen, deren Blatt man rauchen oder kauen konnte. Dank Gesners Korrespondenz lässt sich aufzeigen, dass in der Schweiz erstmals in den 1560er-Jahren Tabak angebaut wurde, auch wenn nicht von einem kommerziellen, sondern vielmehr von einem experimentellen Anbau und von einem Anbau zu Zierzwecken gesprochen werden muss.

Es sollte noch rund 150 Jahre dauern, bis in der Schweiz von einem Anbau und einer Fabrikation von Tabak im kommerziellen Sinn gesprochen werden kann. Bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts erfolgte der Tabakanbau in geringem Ausmass, und Tabak wurde als Heilmittel gegen verschiedene Leiden wie beispielsweise Müdigkeit, Apathie, Geschwüre und Hautkrankheiten, aber auch gegen schwere Krankheiten wie Cholera, Pocken oder die Pest verwendet. Wegen seiner angeblich vielseitigen Heilkräfte erfuhr der Tabak eine erste grössere Verbreitung. Seine eigentliche Verbreitung und seinen Siegeszug erlebte der Tabak in der Schweiz jedoch erst, als er ab Mitte des 17. Jahrhunderts als Genussmittel – speziell zum Rauchen – entdeckt wurde. Waren der Tabakkonsum und das Rauchen bei den Seefahrernationen Europas wie England, Frankreich, Portugal und Spanien bereits ab Mitte des 16. Jahrhunderts verbreitet, kam das Rauchen von Tabak in der Schweiz erst im Zuge des Dreissigjährigen Kriegs (1618–1648) in Mode. Durch die im Krieg kämpfenden englischen, holländischen und schwedischen Truppen verbreitete sich das Rauchen in weiten Teilen Deutschlands, Österreichs und Ungarns. Die Ausbreitung des Rauchens in der Schweiz erfolgte über Basel, wo es durch die «[d]irekte oder indirekte Berührung mit der Soldateska des dreissigjährigen Kriegs» – nicht zuletzt durch die vielen internationalen Söldner, die in der Basler Stadtgarnison Dienst leisteten – bekannt wurde. Mit dem verstärkten Aufkommen des Rauchens und der dadurch steigenden Nachfrage nach Tabakwaren entwickelten sich der eigentliche Anbau und eine industrielle Verarbeitung des Tabaks.

Tabakfeld

Der Tabakanbau in der Schweiz ab dem 17. Jahrhundert

Bevor der Tabakanbau und die Fabrikation jedoch richtig beginnen konnten, kam es in vielen Kantonen und Städten der Schweiz aufgrund des vonseiten der weltlichen Behörden und der kirchlichen Obrigkeit kritisierten ausufernden Tabakkonsums der Bevölkerung zu einem Verbot des Genusses und des Anbaus von Tabak. Das «Tabaktrinken» oder das Ermöglichen desselben wurde in allen Kantonen von den Behörden unter anderem wegen der Brandgefahr, des Sittenzerfalls oder der Tatsache, dass durch den Handel mit Tabak unnötig viel Geld die Orte verliess, verurteilt und unter Strafe gestellt. Diese Strafen fielen teilweise sehr drastisch aus. Zwar wurde in der Schweiz meist von solch martialischen Strafen wie Auspeitschen, Aufschlitzen der Nasenflügel oder dem Abschneiden der Lippen, wie sie unter Zar Michail Fjodorowitsch Romanow (Michail I., 1596–1645) in Russland für Raucher üblich waren, abgesehen. Das Strafmass konnte in der Schweiz dennoch von Geldstrafen wie in Basel über zusätzlichen Pranger und Gefängnisstrafen wie in Bern bis hin zu Stadt- bzw. Landesverweis, Schlägen oder gar Brandmarkung bei Wiederholungstätern wie in Zürich reichen.

In Basel setzten die Behörden bereits 1643 ein Zeichen gegen den Konsum von Tabak, indem sie dem lothringischen Tabakmacher Mongin Piergot das Bürgerrecht mit der Begründung verweigerten, dieses Handwerk in Basel nicht zu brauchen. Der Tabakgebrauch verbreitete sich in Basel-Stadt und Basel-Landschaft jedoch so stark, dass die Stadtbehörden sich genötigt sahen, zwischen 1650 und 1672 verschiedene Erlasse und Verbote gegen das Rauchen in Scheunen und an anderen feuergefährlichen Orten und sogar ein generelles Rauchverbot innerhalb der Stadtmauern auszusprechen. Ab 1677 setzten die Behörden die Rauchverbote zunehmend ausser Kraft, da man den enormen wirtschaftlichen und fiskalischen Nutzen des Tabakanbaus erkannt hatte. Basel hatte jedoch schon ab 1670 bezüglich der Fabrikation, des Handels und des Anbaus von Tabak eine doppelgleisige Strategie gefahren und sich an der eidgenössischen Tagsatzung für eine Tabakfabrikation eingesetzt. Die Basler Regierung rechtfertigte ihr Vorgehen damit, dass die in ihrem Gebiet hergestellten Waren meist im Ausland verkauft wurden. Die Tagsatzung sprach Basel daraufhin auch den Handel in der Stadt sowie den Transit von Tabak durch die Schweiz zu. Nach 1677 kam es im Baselbiet zunehmend zu Versuchen im Tabakanbau. Ab 1682 wurde in Kleinhüningen, Sissach und Witispurg Tabak in grösserem Stil angepflanzt, der Anbau wurde jedoch bereits 1685 – wenn auch nicht dauerhaft – wieder verboten, da die Einnahmen durch die Einfuhrzölle auf ausländischen Tabak einträglicher waren als der Anbau des Tabaks im eigenen Land. Im Kanton Basel-Landschaft sollte im bescheidenen Umfang auch später noch Tabakanbau betrieben werden. Das Hauptinteresse der Basler Regierung lag jedoch bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Fabrikation und dem Handel von (Pfeifen- und Schnupf-)Tabak.

Die Berner Regierung ging in ihrem Herrschaftsgebiet lange rigoros gegen das Rauchen vor und verbot des bereits 1659. Sie sollte ihre restriktive Politik erst 1719 aufgeben, als klar war, dass einer Verbreitung des Rauchens nicht mehr beizukommen war. Bern regte 1670 bei der Tagsatzung die Einführung eines eidgenössischen Rauchverbots an und war federführend beim Konkordatsschluss mit den Ständen Zürich, Luzern, Unterwalden, Freiburg und Solothurn. Dieses Konkordat versuchte, das eidgenössische Verbot, das bis 1675 jährlich erneuert wurde, durchzusetzen. Diese Bemühungen scheiterten aber nicht zuletzt an der Handelspolitik von Basel, die dem Tabakschmuggel und damit der Umgehung des Tabakverbots Vorschub leistete. Obwohl sich bereits um 1675 abzeichnete, dass die Umsetzung eines solchen Verbots illusorisch war, weitete Bern seine bestehenden Verordnungen gegen das Rauchen auf jegliche Form des Tabakkonsums aus. Trotz verschiedenster weiterer Verschärfungen dieser Gesetze in den Jahren 1676, 1693 und 1697 sah die Berner Regierung Anfang des 18. Jahrhunderts das Scheitern ihrer bisherigen Politik ein. Um sich zusätzlich gegen den Abfluss von Geldern für Tabak an andere Länder zu wehren, wurde in Bern beschlossen, den Tabakanbau gezielt zu forcieren und Saatgut und Anbauanleitungen an sämtliche Ämter im Berner Herrschaftsgebiet zu versenden. Daraufhin entwickelte sich in der Waadt und dort vorwiegend in den Bezirken Payerne, Avanche und Moudon ein reger Tabakanbau. Auch in den Gebieten Erlach und Laupen wurde in geringerem Mass Tabak angebaut. Nachdem auf Geheiss der Berner Regierung auch der Kanton Freiburg seine Politik hinsichtlich des Tabakverbots geändert hatte, fasste der Anbau des Tabaks auch im freiburgischen Broyegebiet und dem Freiburger Seebezirk Fuss und erlangte eine grosse Bedeutung. Wie eine Erhebung des eidgenössischen Landwirtschaftsdepartements aus dem Jahr 1883 zeigt, gehörten die Kantone Waadt mit 532,5 ha und Freiburg mit 332 ha Anbaufläche zu den grössten und bedeutendsten Tabakanbaugebieten in der Schweiz.

Durch die Entwicklungen in Bern und Basel, den allmählichen Fall sämtlicher Tabakverbote und den wirtschaftlichen Anreiz verbreitete sich der Tabakanbau im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts auch in andere Regionen der Schweiz. Ausser in den oben genannten wurde er noch in sieben weiteren Kantonen betrieben. 1879 erhielt der Tabakanbau durch die Erhöhung der Einfuhrzölle auf Rohtabak aus dem Ausland zusätzlich Auftrieb. Das drittgrösste Anbaugebiet bis Ende des 19. Jahrhunderts bildete neben der Waadt und dem Kanton Freiburg das Tessin mit rund 85 Hektaren Anbaufläche. Aufgrund des für den Tabakanbau günstigen milden Klimas zählten vor allem Tessiner Gemeinden wie Mendrisio, Lugano und Locarno zu den wichtigen Zentren des Tabakanbaus ab dem 18. Jahrhundert. Eine eindeutige Datierung der Einführung des Tabakanbaus im Tessin ist nicht möglich. Sicher ist jedoch, dass der aus Italien eingeführte Tabak, der für die seit dem Ende des 17. Jahrhunderts im Tessin erfolgte Schnupftabak- und die im Verlaufe des 18. Jahrhunderts stetig wachsende Rauchtabakproduktion verwendet wurde, zunehmend durch Tessiner Tabak ersetzt wurde. Der Anbau erfolgte zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits im grösseren Massstab. Anfang des 20. Jahrhunderts begann der Tabakanbau im Tessin stark zurückzugehen. Veränderungen der Witterung, mangelnde Schulung in der Bebauung und günstigere Preise für amerikanische Tabake liessen die Fläche für den Anbau von Tabak bis nach dem Ersten Weltkrieg drastisch auf rund 860 a zurückgehen. Erst in den 1930er-Jahren sollte sich der Tabakanbau im Tessin so weit erholen, dass die Anbaufläche mit rund 35 ha wieder rund die Hälfte des Standes der 1890er-Jahre erreichte. In den weiteren Gebieten, in denen Tabak gepflanzt wurde, erfolgte der Anbau in weit geringerem Umfang, wie Daten aus den Jahren 1880 bis 1883 zeigen. So umfasste die Anbaufläche in diesem Zeitraum im Graubünden 21 ha, im Wallis 1,2 ha und im Aargau und im Thurgau 7,2 ha. Die Flächen für die Kantone Neuenburg und Zürich sind nicht bekannt. In den Kantonen Basel-Landschaft und St. Gallen kann für das 19. Jahrhundert gar lediglich von einem versuchsweisen Anbau gesprochen werden.

Die Gesamtfläche des in der Schweiz angebauten Tabaks umfasste 1880 rund 1330,15 ha und brachte einen Gesamtertrag von rund 178,35 t. Bereits 1883 verringerte sich die Fläche auf rund 942,2 ha, und der Ertrag nahm auf 135,9 t ab. Der positive Effekt, den die Errichtung von Einfuhrzöllen auf ausländische Tabake im Jahr 1879 auf den einheimischen Tabakanbau bewirkt hatte, verpuffte nach kurzer Zeit. Trotz dieser Zölle nahm die Einfuhr ausländischer Tabake aufgrund verschiedener Faktoren zu, darunter die starken Preisschwankungen des Inlandtabaks, die höhere Qualität der überseeischen Tabake sowie der zunehmend leichtere Zugang zu diesen durch die Verbesserung der Transportwege. Dies hatte einen starken Anbaurückgang zur Folge: Betrug der Anteil an Inlandtabak, der 1888 in der gesamten Tabakproduktion in der Schweiz verwendet wurde, noch fast 30 % oder 1506,6 t, so waren es 1899 nur noch rund 10 % oder 734 t. Um 1900 erholte sich der Anbau von Tabak in der Schweiz infolge der hohen Preise, die für diesen erzielt werden konnten. Bis 1905 wurde in der Tabakproduktion ein Anteil von einheimischem Tabak von 10–14 % bzw. rund 1063–1141 t verwendet. Der hohe Anteil von ausländischen Tabaken von bis zu 96 % in der einheimischen Tabakproduktion in den Folgejahren brachte den Tabakanbau, der 1910 noch auf 489 ha betrieben worden war, in verschiedenen Anbauregionen beinahe zum Erliegen.

Erst der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die damit einhergehenden Lieferengpässe bei ausländischen Tabaken trieben den Anbau von einheimischen Tabaken wieder voran. Die Anbaufläche in der Schweiz begann wieder zuzunehmen und erreichte 1917 wieder einen Stand von 224 ha. Am 16. Februar 1917 verfügte der schweizerische Bundesrat, dass die Anbaufläche für Tabak trotz positiver Entwicklung diejenige des Jahres 1916 nicht überschreiten dürfe, da jede entbehrliche Fläche für den Anbau von Nahrungsmitteln genutzt werden müsse. Die Umstände, dass der Bund diese Strategie auch 1918 weiterführte und dass nach Kriegsende die erneute Einfuhr von ausländischen Tabaken den Wert des schweizerischen Tabaks halbierte, sorgten dafür, dass die Anbaufläche 1919 trotz bester Preise für Inlandtabak auf 219 ha zurückging. Erst eine 1921 und 1924 erfolgte erneute Erhöhung der Tabakeinfuhrzölle liess den Tabakanbau in der Schweiz wieder zunehmen und von 254 ha auf 784 ha zu Beginn des Zweiten Weltkriegs anwachsen.

Während des Zweiten Weltkriegs verdoppelte sich die Anbaufläche bis 1946 auf 1451 ha, was wie im Ersten Weltkrieg mit dem Mangel an Importtabak zusammenhing. Ähnlich wie 1919 nahm auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Tabakproduktion wieder ab, da die Nachfrage an Importtabaken wiederum stieg, während das Interesse am Inlandtabak wieder nachliess. Dementsprechend gingen die Anbauflächen in der Schweiz bis 1949 auf 986 ha zurück. Dennoch erweiterte sich das Tabakanbaugebiet, wie Zeller in seinem Bericht zur schweizerischen Tabakindustrie konstatiert, durch die Erschliessung neuer Gebiete bis 1952.

So entstanden neue Anbaugebiete im Rhonetal, in der Gegend von Cortaillod, im bernischen Aaretal zwischen Büren und Wangen, in der Ajoie, in der Umgebung von Landquart und Ems, im Thurtal zwischen Weinfelden und Flaach und in der Magadinoebene. Dadurch wuchs die Tabakanbaufläche bis 1960 nochmals auf 1100 ha an, ging dann jedoch seit den 1960er-Jahren bis heute stetig zurück: So umfasste die Anbaufläche für Tabak in der Schweiz 2001 noch 653 ha, 2011 noch 517 ha und 2014 noch 468 ha. In der Folge nahm auch die Anzahl Tabakbauern dramatisch ab. Gab es 1946 noch 6816 Pflanzer, ging die Zahl bis im Jahr 2011 auf 209 Pflanzer zurück. Gründe für die starke Abnahme der Anzahl Tabakbauern werden im generellen Rückgang von landwirtschaftlichen Betrieben, dem Fehlen von Nachfolgern sowie in den teilweise zu hohen Produktionskosten, die einen rentablen Tabakanbau verunmöglichen, gesehen. Der Rückgang der Tabakanbaufläche hat sowohl wirtschaftspolitische als auch gesundheitspolitische Gründe. Einerseits wurde der Anbau von Tabak im Inland durch die Abschaffung der Tabakimportzölle im Jahr 1969 zunehmend unrentabler, da der schweizerische Tabak mit dem billigeren Importtabak preislich nicht konkurrieren konnte, andererseits bewirkte die seit den 1990er-Jahren laufende Antitabakkampagne sowie die durch die eidgenössische Kommission für Tabakprävention geführte Aufklärung ein wesentliches Umdenken in der Bevölkerung in Bezug auf den Tabakkonsum. Wie stark sich die Haltung der Bevölkerung in Bezug auf das Rauchen gewandelt hat, zeigt das Bundesgesetz zum Schutz vor Passivrauchen, das 2008 von der Bundesversammlung angenommen wurde und 2010 in Kraft getreten ist.

Tabakfeld

Die Entstehung der Tabakindustrie und die Zigarettenproduktion in der Schweiz

Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bestanden in verschiedenen Kantonen und Städten der Schweiz vorindustrielle Tabakmanufakturen, die sich auf die Herstellung von Schnupf-, Kau- und zunehmend auch Pfeifentabak sowie den Tabakhandel spezialisiert hatten. Als früheste Beispiele können die Stadt Basel und der Kanton Tessin gelten. In Basel entstanden in den 1670er-Jahren erste Tabakfabriken, und zu Beginn des 18. Jahrhunderts unterhielt die Stadt ein florierendes Tabakgewerbe, das mit seinen Produkten die verschiedenen Märkte im In- und Ausland belieferte. Im Kanton Tessin wurde laut Haas ab den 1680er-Jahren industriell Schnupftabak gemahlen. Im Kanton Bern und seinen Hoheitsgebieten setzte die Tabakfabrikation, gefördert durch die Regierung, ab 1727 ein. Es entstanden Manufakturen und Sozietäten in Avanches (Obrigkeitliche Tabakmanufaktur, 1727), Payerne (Tabaksozietät Peterlingen, 1727), Villeneuve (Hans Georg Berseth, 1728) und Bern (Pierre Brousse, 1733). Im bernischen Aargau entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor allem durch die Errichtung einer Tabakfabrik durch Samuel Seiler (1769) in der Stadt Lenzburg ein bedeutender Umschlag- und Fabrikationsort der (Schnupf-)Tabakproduktion. In der Waadt wurden Bex, Aigle und Vevey zu wichtigen Zentren der Tabakmanufaktur.

Die eigentliche Tabakindustrie in der Schweiz entstand mit dem Aufkommen der Zigarrenfabrikation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In den Kantonen Basel-Stadt und Waadt entstanden erste Zigarrenfabriken. Gerade in Vevey und in Grandson bildeten sich grosse Zentren der Zigarrenindustrie. Im Tessin gründeten politische Flüchtlinge aus Venezien und der Lombardei, die dort in der Zigarrenherstellung tätig gewesen waren, ab 1847 Zigarrenfabriken in Brissago, Lugano, Pedrinate, Balerna und Chiasso. Eine der ausgedehntesten und bedeutendsten Zigarrenfabrikationen entwickelte sich jedoch ab 1840 im Kanton Aargau. Nachdem in Menziken 1840 die erste Zigarrenfabrik gegründet wurde, verbreitete sich die Zigarrenindustrie rasch auf die umliegenden Orte im Bezirk Kulm sowie auf verschiedene Bezirke wie Lenzburg, Zofingen und Rheinfelden. Der Aufschwung der Zigarrenindustrie hing eng mit dem schlechten Zustand des aargauischen Gewerbes und der Industrie zusammen, der sich im Verlauf der 1840er- und 1850er-Jahre durch die Krise in der Baumwollindustrie weiter verschlimmerte und der Zigarrenindustrie zusätzliche Arbeitskräfte brachte.

Einen weiteren gewaltigen Aufschwung erlebte die aargauische Zigarrenindustrie in der ersten Hälfte der 1860er-Jahre, als zu Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs vonseiten der Nordstaaten Verträge für Zigarrenlieferungen an die Unionsarmee geschlossen werden konnten. Auch wenn die Produktion danach wieder zurückging, so waren seit diesem Zeitpunkt im Aargau immer rund 3000 Personen in der Tabakindustrie tätig – der Kanton stellte damit zeitweise rund die Hälfte der Gesamtarbeiterschaft sowie rund ein Drittel der Produktionsbetriebe der schweizerischen Tabakindustrie –, und der Erfolg der aargauischen Zigarrenfabriken förderte schweizweit den Ausbau der Zigarrenindustrie.

Wie verschiedene Auflistungen von Kradolfer zeigen, verteilte sich die schweizerische Tabakindustrie um den Ersten Weltkrieg und zu Beginn der Zwischenkriegszeit ausser auf die bereits erwähnten Kantone noch auf die Kantone Bern, Luzern, Freiburg, Genf, Glarus, Graubünden, Neuenburg, Solothurn, Thurgau, Wallis, Zug und Zürich. Seit den 1880er-Jahren verfügte die Tabakindustrie der Schweiz über rund 5000–7000 Angestellte, die sich auf 96 bis ca. 170 Firmen verteilten. Nur zwischen 1911 und 1923 sollte die Angestelltenzahl auf 9000–10’000 ansteigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Anzahl der Angestellten in der Tabakindustrie rückläufig zu werden. So waren 1952 in der schweizerischen Tabakindustrie noch 7757 Personen angestellt. Ab Mitte der 1950er-Jahre begann die Anzahl Betriebe und der Beschäftigten vor allem in der Deutschschweiz stark zu sinken, was sich am Beispiel des für die Tabakindustrie wichtigen Kantons Aargau gut illustrieren lässt. Existierten 1955 noch 52 Betriebe mit 2883 Angestellten – zum Vergleich: 1939 beschäftigten noch 70 Betriebe 3147 Angestellte –, war die Anzahl Betriebe im Jahr 1975 auf 29 mit einer Arbeiterschaft von 1046 Angestellten zurückgegangen. 1995 zählte die aargauische Tabakindustrie noch lediglich 6 Betriebe, die 209 Angestellte beschäftigten. Heute bestehen in der Schweiz lediglich noch 3 grosse Produktionsbetriebe in Neuenburg, Boncourt und in Dagmersellen, die zusammen über 5060 Angestellte beschäftigen.

Einen wesentlichen Beitrag zu den Veränderungen in der schweizerischen Tabakindustrie leistete die Einführung der Zigarette in der Schweiz, welche die Zigarre innerhalb weniger Jahre als Rauchgenussmittel verdrängt hatte. Die Zigarettenproduktion in der Schweiz entwickelte sich im Verlauf der 1870er-Jahre; es entstanden einerseits eigene Zigarettenfabriken, andererseits begannen bestehende Tabak- und Zigarrenfabriken, Zigaretten zu produzieren. Vor 1870 wurden Zigaretten hauptsächlich aus dem Ausland eingeführt. Bis Mitte der 1890er-Jahre nahm sich die schweizerische Zigarettenindustrie jedoch bescheiden aus: 1883 stellten gerade einmal 7 der 171 ins Handelsregister eingetragenen Tabakfirmen ausschliesslich Zigaretten her. Einer der Hauptgründe ist darin zu sehen, dass die Nachfrage nach Zigaretten eher gering war, da die Abnehmerschaft vorwiegend im städtischen Gebiet zu finden war, während die grössere Landbevölkerung weiterhin Zigarren oder Pfeifentabak konsumierte. Die Produktion erfolgte von Hand, und die meisten Betriebe zeichneten sich durch eine Stärke von bis zu 10 Angestellten aus. 1895 führte die Firma Burrus in Boncourt die erste Zigarettenmaschine mit einer Leistung von 2,55 Mio. Zigaretten pro Jahr ein, zudem stieg die Anzahl an Firmen, welche Zigaretten produzierten, auf 19 an.

Die ersten einfachen Zigarettenmaschinen wurden zunehmend durch Stangenzigarettenmaschinen ersetzt, wodurch die Jahresproduktion auf rund 80 Mio. Zigaretten stieg. Die allmähliche Entwicklung der schweizerischen Zigarettenindustrie hin zur Massenproduktion zeigte sich auch in den Mitarbeiterzahlen, die nun in verschiedenen Betrieben bis auf 200 anstiegen. So existierten 1911 in der Schweiz 14 Zigarettenfabriken, die 748 Angestellte beschäftigten. Nach dem Ersten Weltkrieg, während dessen durch die gestiegenen Exportmöglichkeiten die Zahl an Zigarettenfirmen stark gestiegen war, existierten 1920 Betriebe mit 1164 Angestellten in der Schweiz. Nachdem der Export nach dem Krieg zusammenbrach, führten die daraus resultierende Überproduktion und der harte Konkurrenzkampf um den Inlandmarkt dazu, dass viele Firmen eingingen und die Zigarettenindustrie 1939 mit 14 Betrieben und 860 Beschäftigten wieder den Stand von 1911 erreichte. In der Zwischenkriegszeit erfuhr die Produktion von Zigaretten eine gewaltige Steigerung. Der Erste Weltkrieg hatte in Europa und der Schweiz dazu geführt, dass sich die bisherigen Rauchgewohnheiten änderten.

Wie Steigmeier schreibt, bevorzugten «[d]ie im Krieg oder zumindest im Grenzschutz stehenden Soldaten [...] für ihre kurzen Rauch- beziehungsweise Gefechtspausen eben die schnell fertig gerauchte und billige Zigarette». Die heimkehrenden Soldaten blieben der Zigarette jedoch auch nach dem Krieg treu. 1917 hatte die Produktionsmenge 760 Mio. Zigaretten im Jahr betragen. 1920 wurde mit einer Jahresproduktion von 1,76 Mia. Zigaretten die Milliardengrenze überschritten. Selbst die Anfang der 1930er-Jahre einsetzende Wirtschaftskrise stoppte die wachsende Zigarettenproduktion nicht, und 1933 erreichte die schweizerische Jahresproduktion mit 2,35 Mia. Zigaretten ihren vorläufigen Höchststand.  In der Folge brach die Produktion zwar um eine halbe Milliarde Zigaretten ein, durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und den Mangel an Importzigaretten betrug die Jahresproduktion jedoch bereits 1939 wieder 2,4 Mia. Zigaretten und sollte sich bis 1945 auf 3,9 Mia. Zigaretten belaufen. Davon exportierte die Schweiz ab 1947 jährlich 1,5 Mia. Stück ins Ausland, während der restliche Anteil im Inland konsumiert wurde. Als Grund für diese enorme Erhöhung des Inlandkonsums macht Zeller in seinem Aufsatz zur schweizerischen Tabakindustrie den Umstand geltend, «dass seit dem Krieg immer mehr Frauen sich das Rauchen angewöhnt haben».

Die schweizerische Zigarettenproduktion wuchs ab den 1950er-Jahren stetig. So stieg die Jahresproduktion von 11 Mia. Zigaretten im Jahr 1960 auf die bisherige Höchstproduktionsmenge von 61,2 Mia. Zigaretten im Jahr 2008 an. 2014 wurden in der Schweiz noch 41,5 Mia. Zigaretten produziert. Trotz der steigenden Produktionszahlen nahm der effektive Zigarettenkonsum im Verlauf der 1980er-Jahre in der Schweiz stark ab. Betrachtet man die Produktionszahlen unabhängig vom Zigarettenexport, der zwischen der Hälfte und drei Vierteln der Jahresproduktion der Schweiz ausmacht, stagnierte die Zigarettenproduktion zwischen 1990 und 2003 bei 14–15 Mia. Zigaretten im Jahr. Der zunehmende Ausbau der Tabakprävention und der Antitabakkampagnen sowie das Bundesgesetz zum Schutz vor Passivrauchen von 2008 hat die Bevölkerung in der Schweiz gegenüber dem Tabakkonsum sensibilisiert. Dementsprechend verringerte sich die Produktionsmenge massiv von 14,6 Mia. Zigaretten zu diesem Zeitpunkt auf 10,2 Mia. Zigaretten im Jahr 2014.

Vincent Pick ist Historiker und hat diesen Text im Auftrag von Koch & Gsell erstellt.

Tabakfeld
Roger Koch
Von Roger Koch
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